Mit den „Waffen des Griechentums“

Gina Pietsch und Christine Reumschüssel feierten Mikis Theodorakis’ 90. Geburtstag
Von Hilmar Franz
|    Ausgabe vom 7. August 2015
Ideale Partnerinnen: Gina Pietsch und Christine Reumschüssel (Foto: Hilmar Franz)
Ideale Partnerinnen: Gina Pietsch und Christine Reumschüssel (Foto: Hilmar Franz)

Weil ich mich nicht Gesetzen beugte“. In ihrer vielfarbigen und kontrastreichen Theodorakis-Hommage, passgerecht zum neunten Dezennium am 29. Juli, verströmten Gina Pietsch (Gesang) und Christine Reumschüssel (Synthesizer) eine künstlerische Energie, die viele Facetten zum Leuchten brachte. Als professionelles Duo liefen sie jetzt ein weiteres Mal zu potenzierter Hochform auf. Die weithin bekannte Sängerin und Schauspielerin, auf Brecht und über ein Dutzend weiterer Autoren spezialisiert, mit der versierten Jazz/Rock/Pop-Pianistin, die zuletzt für Barbara Thalheim oder für Hans-Eckardt Wenzel spielte. Die Stimmung in der übervollen Berliner Ladengalerie der „jungen Welt“ kulminierte beim furiosen (und nun erst in nahezu voller Länge noch einmal) zugegebenen Sirtaki.

„Zorbas, der Grieche“ rahmte also faktisch diesen biografisch scheinbar querstehenden Liederabend, bei schwierigem Gleichgewicht der künstlerischen Ausdrucksmittel für gestaltwerdende Kämpfe, prophetische Triumphgesänge, Elegien und Klagen. Wie schon vor Jahren, als sie Auswahl und eigene dramaturgische Gestaltung für und mit dem Begleiter Uwe Streibel vorbereitete und umsetzte, kann sich Gina Pietsch auch heute auf gelungene deutsche Nachdichtungen der Verse von Jannis Ritsos, Giorgos Seferis, Odysseas Elytis, Iakovos Kambanellis, Jannis und Mikis Theodorakis stützen, um nur die bekanntesten zu nennen. Zum gelingenden Nachvollzug hat Liedermacher Frank Viehweg in Pietschs Auftrag das meiste beigetragen. Gisela Steineckert, Heinz Czechowski, Hans-Eckardt Wenzel und andere überließen ihr jeweils frühere Arbeiten.

Gina Pietsch verfügt über reiche Grundhaltungen und Ausdrucksnuancen des an Brecht geschulten gestischen Singens, sie setzt zuweilen auch melodramatisches Sprechen ein. In Christine Reumschüssel hat sie eine ideale Partnerin: zupackend gehämmerte Einleitungsakkorde, rasant treibende Tempi, sicheres „Wiedereinfangen“ freien Gesangs. Das hymnisch-bekenntnishafte „Die ganze Erde uns und kein Stück unsren Feinden“, ebenso Reumschüssels folkloristisch-tänzelnder Kommentar zu „Diese Bäume dulden einen geringeren Himmel nicht“, ließen den ersten Programmschwerpunkt, Ritsos’ Gedichtzyklus „Griechentum“ mit der Musik von Theodorakis (1966), zum Erlebnis werden.

Im Jahr vor dem Obristenputsch begann der Komponist zu ahnen, „dass Griechentum nicht Vergangenheit, sondern Zukunft besingt“: „Wenn sie die Faust ballen, ist sich die Sonne der Welt gewiss …“ Mikis war damals auf einer Solidaritätsdemo für den vom Königshaus weggeputschten Ministerpräsidenten Georgios Papandreou von der Polizei niedergerissen und misshandelt worden. Nach dem Militärputsch folgten dann ab 1968 nicht nur krankmachende Haft, und Folter, sondern auch das totale Verbot fortschrittlicher Kunst. Für Theodorakis bedeutete es das Aus für seine persönlichen Erneuerungsversuche, die eine „unmittelbar wirkende griechische Musik im Einklang mit der Volksbewegung“ zum Ziel hatte. Kulturell betraf es ebenso Ritsos’ Verflechtungsbemühungen von Dichtung und Kampf.

Der seit Ende der 50er Jahre durch Maria Farantouri berühmt gewordene Epitaph 3, eine Mutter an ihren Sohn, von Ritsos/Theodorakis („An einem Maitag gingst du fort“), berührt auch in dieser Berliner Theodorakis-Hommage zutiefst. Die vokal verinnerlichte Klage bedarf allerdings keiner instrumental „entrückenden“ Pedalwirkung: Der Reiz liegt im „Archaischen“ und im Durchscheinen von traditionellen und neuen Techniken, eigenständigen Charakterisierungen des „zeitgenössischen Volkslieds“ als Ausgangsmaterial.

Jannis Ritsos schrieb 1968 unter leid- und schmerzvollen Bedingungen auf der Gefängnisinsel Leros heimlich Epigramme. Als „Kassiber“ gelangten sie 1972 in Mikis’ Pariser Exil, wo sich der Schwerkranke ihrer annahm, inzwischen kraft weltweiter Solidarität aus dem KZ Oropos gerettet. So entstand der Zyklus „18 kleine Lieder für die bittere Heimat“, aus denen wir von Pietsch auf Griechisch gesungen „Silleitourio“ hörten. Der Zyklus wurde im Jahr vor dem Sturz der griechischen Obristendiktatur parallel in Paris und im Athener Untergrund für die Schallplatte aufgenommen. Von London aus gelangte er auf Solidaritätstouren mit Mikis, Maria Farantouri und anderen Prominenten bald live in die Welt bis zum triumphalen Solidaritätsempfang für den heimkehrenden Mikis Theodorakis, November 1974 im Stadion von Piräus. Zwar heißt „Silleitourio“ „gemeinsame Feier“, doch darf die folkloristisch-tänzelnde Begleitung nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie zu Ritsos’ zornig verknapptem Text scharf kontrastiert. Theodorakis sah in dieser eigenen Ausdrucksform Waffen des Griechentums zum Sieg über Tyrannei, indem das Volk zum Singen und Tanzen aufgefordert sei.

Bei aller Fülle der im Netz und auf Tonträgern verfügbaren Aufnahmen tut es zweifellos gut, den „klassisch“ gewordenen Liedern des Kampfes („Im Schlachthaus“, „Weil ich mich nicht den Gesetzen beugte“, „Sotiris Petroulas“, „Verweigerung“), der Anklage („Lied der Lieder“ aus der Mauthausen-Kantate), oder den zu Tausenden populären über die Liebe live nachzulauschen.

Unbeirrt von fatalen persönlichen Erfahrungen im Griechenland der späten 70er Jahre, als er sich der aktiven Sammlung der antidiktatorischen Kräfte einschließlich der Kommunisten verschrieb, rät Mikis heute seinen linken und kommunistischen Landsleuten, nochmals in einer breiten „Volksfront“ gegen das System des Finanzkapitalismus und seiner politischen Helfer aufzustehen.


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Leserbrief zu »Mit den „Waffen des Griechentums“«, UZ vom 7. August 2015





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