Historische Erfahrungen nutzen

Von Klaus Seibert, Maintal
|    Ausgabe vom 7. August 2015

Unsere DKP befindet sich in einem nicht gerade guten Zustand. Tiefgreifende Meinungsunterschiede, die bis zu politischen Ausgrenzungen und persönlichen Herabsetzungen gehen, sind leider an der Tagesordnung. Dabei geht es meiner Ansicht nach im Grunde um ein Kernproblem, das wesentlich die Frage der Strategie und Taktik einer kommunistischen Partei betrifft. Es handelt sich meiner Ansicht nach darum, was wir zurzeit konkret unter den Begriffen „Aktionseinheit“ und „Bündnispolitik“ verstehen. Oft benennen wir es nicht so, aber im Kern laufen die Debatten darauf hinaus. Deshalb will ich mich in den weiteren Ausführungen auf diese Frage konzentrieren.

Diese Diskussionen sind für kommunistische Parteien kein Novum. In Zeiten sich zuspitzenden Klassenkampfs haben die Kommunisten immer um die Richtung ihrer Politik gerungen und dabei auch Fehleinschätzungen gemacht. Das ist jetzt keine überhebliche Besserwisserei von mir, sondern beruht auf späteren Einschätzungen unserer Partei selbst. Hier nur ein paar Beispiele:

Anfang der 50er Jahre: Es ging um Wiederaufrüstung und KPD-Verbot: Die KPD propagierte den „revolutionären Bruch mit dem Adenauer-Regime“. Bei der anschließenden Wahl bekam Adenauer die meisten Stimmen.

1929: Weltwirtschaftskrise und erstarkender Faschismus: Die KPD erstellt das „Programm der nationalen und sozialen Befreiung“. Das war ein wichtiger und notwendiger Beitrag zur Entwicklung kommunistischer Politik. Aber das Programm hatte auch eine katastrophale Fehleinschätzung: die „Sozialfaschismustheorie“.

1923: Revolutionäre Nachkriegskrise, Hamburger Aufstand, SPD/KPD-Regierungen in Thüringen und Sachsen und deren Auseinanderjagen durch die SPD-geführte Reichsregierung. In dieser Zeit fand eine intensive Debatte in der KPD mit wechselnden Mehrheiten statt. Hauptstichpunkte waren dabei die „Politik des Offenen Briefs“ und die „Offensivtheorie“. Es lohnt sich diese Erfahrungen einmal genau ins Gedächtnis zu rufen bzw. intensiv zu studieren, da dies meiner Ansicht nach von grundsätzlicher Bedeutung für die Strategie und Taktik einer kommunistischen Partei war und immer noch ist. Die Auseinandersetzungen dabei spielten auch auf dem III. Kongress der Kommunistischen Internationale eine wesentliche Rolle. Dazu hielt Lenin die „Rede zur Verteidigung der Taktik der Kommunistischen Internationale“, die in seiner Analysen nach wie vor brennend aktuell ist und deshalb in ihrer Tiefe studiert und erfasst werden sollte. Da der Text von Lenins Rede hier jeden Rahmen sprengen würde, der Hinweis, wo man sie im Internet finden kann:http://www.ciml.250x.com/archive/lenin/german/lenin_german_3_kongress_komintern_c.html

Und da wir gerade bei Lenin sind: Auch folgendem Hinweis sollten wir wesentlich mehr Beachtung schenken. In seinem Werk „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ beschreibt Lenin das so: „… Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten ‚Riss’ zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein …“ Lenin fügt dann noch den Satz hinzu, den ich aber in unserer derzeitigen Situation in der von ihm geäußerten Härte so nicht stehen lassen würde: „Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen.“ (http://archiv2.randzone-online.de/mewerke/meonline/me119.htm)


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Leserbrief zu »Historische Erfahrungen nutzen«, UZ vom 7. August 2015





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