Die Erfindung des Verderbens

70 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki
Von Nina Hager
|    Ausgabe vom 24. Juli 2015
 (Foto: U.S. Army/public domain)
(Foto: U.S. Army/public domain)

m 6. August 1945 explodierte die US-Atombombe „Little Boy“ über Hiroshima, drei Tage später die Plutoniumbombe „Fat Man“ über Nagasaki. Etwa 100 000 Menschen, meist Zivilisten oder verschleppte Zwangsarbeiter, verloren ihr Leben. Von vielen fand man keine Spuren, von anderen blieben nur Schatten an Wänden …

Viele tausende starben in den folgenden Wochen und Monaten oder in späteren Jahren an den Folgen der Explosionen: der Hitze, der Druckwellen, der Strahlung. Es traf selbst die Nachgeborenen.

Bis heute wird versucht diese Kriegsverbrechen zu relativieren: Die Abwürfe hätten erheblich dazu beigetragen, dass kurz darauf, am 15. August, Japans Kaiser Hirohito in einer Rede die Beendigung des „Großostasiatischen Krieges“ bekanntgeben und Japan am 2. September 1945 kapitulieren musste.

Doch die japanische Armee hatte bereits vorher sowohl im Pazifik, in Südostasien wie in China fast alle im 2. Weltkrieg eroberten Gebiete verloren, sie war – auch durch den Einsatz sowjetischer Truppen in China und im Fernen Osten entsprechend einer Übereinkunft der Alliierten – zunehmend in die Defensive geraten. Spätestens seit Ende Juli 1945 war auch die japanische Marine nicht mehr zu größeren Operationen in der Lage. Japan war in aussichtsloser Lage, als die Befehle zu den Bombenabwürfen kamen …

Befürchtungen, es könne einmal eine Waffe geben, die viele Menschen töten und große Verwüstungen anrichten würde, gab es bereits im 19. Jahrhundert – wohl auch wegen der damaligen gewaltigen Fortschritte der Waffentechnik.

Jules Vernes Roman „Die Erfindung des Verderbens“ erschien erstmals 1896 in Paris. Es geht in seiner Geschichte um einen völlig neuartigen Sprengstoff mit verheerenden Folgen für die Menschheit, der in die Hände eines Verbrechers gerät. Die Katastrophe findet nicht statt, die Insel des Verbrechers fliegt in die Luft. 1866 hatte der schwedische Chemiker Alfred Nobel das Dynamit erfunden.

Karel Capeks „Krakatit“ (eine Anspielung auf den Vulkanausbruch von Krakatau im Mai 1883, bei dem 36 000 Menschen starben) erschien dagegen erst 1924 – nach den Schrecken des 1. Weltkriegs, in dem zum ersten Mal im großen Umfang Massenvernichtungswaffen (Giftgas) eingesetzt wurden. „Krakatit“ ist ein Sprengstoff mit ungeheurer Zerstörungskraft – die Vision der Atombombe. Eine frühe Warnung und ein Aufruf an Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker, entsprechend eigene Verantwortung wahrzunehmen und sich gegen eine solche Entwicklung zu engagieren: Die moderne Wissenschaft setzt den Menschen in die Lage, seiner Existenz ein rasches Ende zu bereiten. Aber er ist auch in der Lage, so etwas zu verhindern …

1898 erschien „Der Krieg der Welten“ von Herbert George Wells. Ein Roman über einen außerirdischen Angriff mit überlegenen Strahlenwaffen auf die Menschheit. Die Angreifer scheitern. 1905 wurde Anatole France’ utopischer Roman „Sur la Pierre Blanche“ („Auf dem weißen Felsen“) veröffentlicht. Darin beschreibt er „Y-Strahlen“, die in der Lage seien, bei einem einzigen Knopfdruck eine Armee von 300 000 Menschen zu pulversieren.

Im August 1945 wurden all diese Befürchtungen übertroffen.

 

Die Entdeckung der Kernspaltung

Aber wie kam es zur Erfindung des Verderbens?

Die Idee, dass es kleinste Teilchen – Atome – geben muss, aus denen unsere Welt besteht, geht auf die griechische Antike zurück. Es gab eine Suche nach dem wah­ren Ursprung aller Dinge. Theorien über Urelemente bzw. einheitliche Grundstoffe, die man als Ursache aller real existierenden Dinge und Erscheinungen sah, wurden aufgestellt. Leukipp, Demokrit und andere sahen den Ursprung aller Dinge in den Atomen: kleinsten, unteilbaren Teilchen. Es dauerte weit mehr als 2 000 Jahre, bis im 19. Jahrhundert die Existenz von Atomen in der Wissenschaft unumstritten war.

Aber 1895 wurde dann die Röntgenstrahlung entdeckt, 1896 erkannte der französische Physiker Antoine Henri Becquerel, dass Uran­salze eine unsichtbare Strahlung aussenden, die lichtdicht verpackte Foto­plat­ten schwärz­te und ein geladenes Elektroskop entladen konnte. Die Existenz von Atomen war unumstritten, die ihrer „Unteilbarkeit“ war in Frage gestellt. Das bedeutete einen riesigen Erkenntnisfortschritt.

Die französischen Physiker Marie und Pierre Curie untersuchten solche Strahlen aussendenden Mineralien genauer. Sie fanden 1898 die Elemente Polonium sowie das sehr viel stärker strahlende Radium und stellten deren Zerfall fest. Im selben Jahr wurde die Strahlung auch bei Thorium nachgewiesen. Die neu entdeckten Strahlen ließen sich durch physikalische Einwirkungen auf den strahlenden Stoff oder durch chemische Prozesse nicht beeinflussen. Daraus schloss man, dass die Aussendung der Strahlung nicht durch chemische Vorgänge verursacht wurde. Später erkannte man, dass die Strahlen aus den Kernen instabiler, zerfallender Atome ausgesandt werden.

Noch hatten Marie und Pierre Curie keine Ahnung, dass sie die „Büchse der Pandora“ geöffnet hatten. Jedoch erklärte Pierre Curie bereits 1905 in seiner Nobelpreisrede: „Auch kann man sich vorstellen, dass Radium in verbrecherischen Händen sehr gefährlich zu werden vermag und sich daher fragen, ob die Menschheit Gewinn davon trägt, die Geheimnisse der Natur zu erkennen, und ob sie reif dazu ist, sie nutzbar zu machen, oder ob diese Erkenntnis ihr schädlich ist.“ Er verwies auf die Entdeckung Nobels, das Dynamit, jenen „mächtigen Explosivstoff“, der zwar wunderbaren Vorhaben dienen könne, aber auch Entsetzlichem. (zitiert nach Wagner, S. 121)

Der neuseeländische Physiker Ernest Rutherford erkannte 1897, dass die ionisierende Strahlung des Urans aus mehreren Teilchenarten besteht. 1902 stellte er die Hypothese auf, dass chemische Elemente durch radioaktiven Zerfall in Elemente mit niedrigerer Ordnungszahl übergehen. 1917 wies er nach, dass durch Bestrahlung mit Alphateilchen ein Atomkern in einen anderen umgewandelt werden kann. Bei diesen Experimenten entdeckte er das Proton.

Dass man die beim Zerfall radioaktiver Elemente freiwerdenden Neutronen nutzen kann, um den Zerfall weiterer instabiler Atome anzuregen, ist seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bekannt.

Wesentlich für die folgende Entwicklung war die Entdeckung des Neutrons durch James Chadwick im Jahr 1932 sowie der Nachweis von Kernumwandlungen nach Bestrahlung mit Alphateilchen durch die Tochter von Marie Curie, Irène, und ihren Mann. Frederic Joliot-Curie, Resistancekämpfer, Kommunist, ab 1950 Präsident des Weltfriedensrates. Er starb mit nur 58 Jahren – wahrscheinlich auch infolge des jahrelangen Umgangs mit radioaktivem Material.

1934 bestrahlte Enrico Fermi in Rom Uran mit Neutronen. Im Dezember 1938 entdeckten Otto Hahn und sein Assistent Fritz Strassmann am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin die Kernspaltung. Bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen entstanden Spaltprodukte des Urans. Energie wurde freigesetzt. Dieses Ergebnis wurde im Januar 1939 durch ihre frühere Partnerin Lise Meitner, die bereits im skandinavischen Exil lebte, und ihren Neffen Otto Frisch, Wissenschaftler am Niels-Bohr-Institut in Kopenhagen, kernphysikalisch erklärt.

 

Auch als Waffe einsetzbar …

Mitte 1939 waren die Physiker davon überzeugt, dass die Kernspaltung eine gewaltige Energiequelle darstellte, die zu friedlichen Zwecken nutzbar sei, aber auch als Waffe einsetzbar wäre. Am 24.4.1939 ging beim faschistischen Reichskriegsministerium ein Brief von Prof. Harteck und Dr. Groth aus Hamburg ein, in dem sie darauf hinwiesen, dass die Ergebnisse von Hahn die grundsätzliche Möglichkeit der Herstellung von neuartigen, höchst explosiven Sprengstoffen zuließen. Es gab Überlegungen für ein Programm der Erforschung dieser Probleme.

Der Berliner Physiker Flügge errechnete im Juni 1939 aus dem Massendefekt nach Einsteins Formel E = m x c2, dass „1 m3 U308 genügt zur Aufbringung der Energie, welche nötig ist, um 1 km3 Wasser (Gewicht 1012 kg) 27 km hochzuheben“ – ein kaum vorstellbarer Vergleich!

Die theoretische Möglichkeit der Atombombe sah man also bereits 1939. Noch war nicht klar, ob sich diese theoretische Möglichkeit auch praktisch verwirklichen ließe.

Der 2. Weltkrieg begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Die Forschungen auf dem Gebiet der Atomspaltung zu Kriegszwecken wurde forciert. Besonders groß war dabei der Aufwand in den USA.

Viele Wissenschaftler dort waren davon überzeugt, dass die Faschisten alle Kräfte zum Bau der Atombombe einsetzen würden. Besonders die Forscher, die vor dem Faschismus geflohen waren und die Fähigkeiten ihrer Kollegen in Deutschland kannten, warnten die amerikanische Regierung vor den möglichen Folgen, die entstehen könnten, wenn die Faschisten die Atombombe in die Hände bekämen. – Eine richtige Frage, auch wenn damals kaum jemand ahnen konnte, welche anderen faschistischen Verbrechen folgen würden. …

Schon 1939 erörterte Enrico Fermi mit amerikanischen Regierungsvertretern die Frage, ob die Forschung auf diesem Gebiet nicht ausgebaut werden sollte. Nachdem sich Einstein in einem von LeÓ Szilárd aufgesetzten Brief an den Präsidenten der USA gewandt hatte, in dem er die Gefahren darstellte und die Forderung aufstellte, die Probleme der Ausnutzung von Atomenergie zu Kriegszwecken zu erforschen, um den Faschisten zuvorzukommen, wurde ein Konsultativkomitee für Uran geschaffen, um die Frage zu studieren.

Als im April 1940 bekannt wurde, dass im Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin eine intensive Erforschung des Urans begann, wurde die Arbeit des Komitees aktiviert.

Aber erst die bedrohliche Kriegsentwicklung veranlasste die USA-Regierung, Ende 1941 ein großangelegtes Programm für den Bau einer Atombombe zu finanzieren. Schon am 17. Juni 1942 wurde dem Präsidenten der USA mitgeteilt, dass der Bau der Atombombe möglich sei. Nun begann die Orientierung auf die Projektierung der entsprechenden Industrie zum Bau der Atombombe. Die Hauptaufgabe bestand nach dem Leiter des Atombombenprojekts, General Groves, darin: erstens die Waffe zu schaffen, die den Sieg im Kriege sichert, und zweitens sie früher als die Gegner zu haben. Das Atombombenprojekt erhielt bald darauf die höchste Dringlichkeitsstufe. Es wurde vorrangig mit Menschen und Material versorgt, wobei nur ein kleiner Kreis um den Präsidenten über den tatsächlichen Umfang und das Gesamtprojekt informiert war.

In der Folge entstand unter der Gesamtleitung des theoretischen Physikers Robert Oppenheimer bei Los Alamos in New Mexico ein riesiges Forschungszentrum mit 300 Gebäuden und Tausenden von Wissenschaftlern, in dem alle mit der Konstruktion der Atombombe zusammenhängenden Probleme beschleunigt bearbeitet wurden. In Oak Ridge (Tennessee) baute man riesige Anlagen zur Trennung des spaltbaren Uranisotops 235 vom natürlichen Uran und in Hanford am Columbia-River (Washington) wurden Reaktoren zur Gewinnung von Plutonium aus Uran errichtet.

Als am 16. Juli 1945 in der Wüste von Nevada die erste Bombe gezündet wurde, waren dafür rund 2 000 Millionen Dollar ausgegeben worden. 150 000 Menschen waren insgesamt am Bau beteiligt.

Bereits zuvor war aber bereits klar, dass man in Hitlerdeutschland mit der Entwicklung eigener Atombomben nur schwer vorankam. Obgleich bereits 1939 Planungen durchgeführt wurden, erwiesen sich im Laufe der Zeit die Schwierigkeiten glücklicherweise als groß, die Zeiterwartungen des Militärs als unrealistisch, die eingesetzten Mittel letztlich als viel zu gering: In Deutschland bemühte man sich vergeblich – zuerst in Leipzig, dann im Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, zuletzt in Haigerloch bei Stuttgart unter der Leitung von Heisenberg, von Weizsäcker, Bothe u. a. –, in Großversuchen mit aus Norwegen „importiertem“, d. h. gestohlenem, „schwerem Wasser“ eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion zu erzielen.

Doch trotz der Einwände einer Gruppe von Physikern mit dem aus Deutschland emigrierten James Franck an der Spitze (so im „Franck Report“, Juni 1945) gegen den Abwurf der Bombe auf bewohntes Gebiet und ihrer Warnungen vor möglichen (weltpolitischen) Folgen und obgleich der Krieg lange entschieden war, warfen im August 1945 US-amerikanische Flugzeuge Atombomben über den japanischen Großstädten Hiroshima und Nagasaki ab.

Der Regierung der USA unter Truman ging es, wie bald klar wurde, nicht nur um das alleinige Atombombenmonopol, sondern vor allem um eine Machtdemonstration gegenüber der Sowjetunion, bislang Partner im Kampf gegen den Faschismus, und auch gegen die japanischen Aggressoren in Asien und im Pazifik.

Der Weltöffentlichkeit blieben diese Entwicklungen zunächst verborgen. Erst im August 1945, nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, erwies sich, dass die – wie man damals meinte – „Energiequelle der Zukunft“ zuallererst in destruktiver Absicht missbraucht worden war. Die Menschen wurden mit der zerstörerischen, mörderischen Kraft der Kernenergie konfrontiert.

Die deutschen Atomphysiker erlebten übrigens in England als Internierte den ersten Atombombenabwurf. Otto Hahn war so bestürzt, dass er sich das Leben nehmen wollte. Ein Jahr später legte er jedoch in seiner Nobelpreisrede die Verantwortung „in die Hände der Menschheit“ – als könnte sich diese freischwebend für oder gegen den Untergang bzw. das Verderben oder die Fortexistenz entscheiden, als müsse man als Wissenschaftler nicht selbst Verantwortung übernehmen. (Wagner, S. 243)

Das Atombombenmonopol, mit dem die USA-Militärs nach dem 2. Weltkrieg Weltpolitik zu betreiben dachten, wurde 1949 gebrochen. In jenem Jahr erfolgte die erste experimentelle Atomexplosion in der Sowjetunion. Es waren aber die USA, und daran muss man heute offenbar immer wieder erinnern, die – zunächst auf eine mögliche Bedrohung aus Hitlerdeutschland reagierend – innerhalb weniger Jahre ihr Atombombenprogramm realisierten und Atomwaffen einsetzten. Es waren die USA, die in den folgenden Jahrzehnten auch das atomare Wettrüsten immer wieder forcierten.

Quellen u. a.: Herbert Hörz, Werner Heisenberg und die Philosophie, Berlin 1968/Friedrich Wagner, Die Wissenschaft und die gefährdete Welt, München 1964


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Leserbrief zu »Die Erfindung des Verderbens«, UZ vom 24. Juli 2015





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