Brutale Unterdrückung und Völkermord

Juli 1915: Das Ende der deutschen Kolonialherrschaft in „Deutsch-Südwest“
Von UZ
|    Ausgabe vom 17. Juli 2015
Überlebende Herero, ca. 1907 (Foto: wikimedia.org/Public domain)
Überlebende Herero, ca. 1907 (Foto: wikimedia.org/Public domain)

Bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts hielten sich die kolonialen Eroberungen in Afrika südlich der Sahara in Grenzen.

Ein „Aufschwung“ der kolonialen Eroberungen begann Ende des 19. Jahrhunderts. Anfang des 20. Jahrhunderts war Afrika südlich der Sahara, mit Ausnahme von Äthiopien und Liberia, unter der Herrschaft der „alten“ und „neuen“ Kolonialmächte aufgeteilt. Zu ersteren zählten Frankreich, Großbritannien, Portugal und auch Spanien, zu letzteren gehörten vor allem Deutschland, aber auch Belgien und Italien. In Afrika waren große Kolonialreiche entstanden.

Die eigentliche Triebkraft für diesen „Aufschwung“ und die endgültige Aufteilung Afrikas war der Übergang des vormonopolistischen Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium. Die Verschärfung der kapitalistischen Widersprüche, der Konkurrenzkampf um Rohstoffquellen, Absatzmärkte und Kapitalanlagesphären führten zur verstärkten kolonialen Expansion.

Vor 1871, der „Reichsgründung“, waren deutsche Staaten kaum als Kolonialmacht in Erscheinung getreten. In den Jahren danach wurden die Forderungen nach eigenen Kolonien – noch gegen den Widerstand des Reichskanzlers Bismarck – lauter. 1873 wurde die „Afrikanische Gesellschaft in Deutschland“ gegründet, 1882 folgte der Deutsche Kolonialverein, 1884 entstand die konkurrierende Gesellschaft für Deutsche Kolonisation, die sich die praktische Kolonisation zum Ziel setzte, 1885 die „Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika“. Mitglieder der Letzteren waren die Deutsche Bank, die Dresdner Bank, die Bankhäuser Leo Delbrück, Robert Warschauer & Co. und Mendelssohn & Co u. a. Die Reihe der Gutsbesitzer auf der Mitgliederliste beweist, wie sich auch in den Kolonialgesellschaften die Verflechtung des Kapitals mit den Junkern durchsetzte. Die Fäden zur kaiserlichen Regierung wurden durch einen vom Reichskanzler ernannten „Staatskommissar“ geknüpft. Unter den Mitgliedern der Gesellschaft waren mehrere Reichstagsabgeordnete.

1884 stellte Otto von Bismarck nach englischem Vorbild mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute unter den Schutz des Deutschen Reichs – zunächst die vom Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz durch militärischen Druck, Erpressung und Betrug „erworbenen“ Besitzungen an der Bucht von Angara Pequena und das angrenzende Hinterland 1884 als Deutsch-Südwestafrika. Das war der Auftakt zu weiterem Landraub und Unterdrückung. Die verzweifelten Herero und Nama wagten 1904 den Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren. Die um zehntausend Mann verstärkte „Schutztruppe“ unter Generalleutnant Lothar von Trotha reagierte mit brutaler Gewalt: Der General ließ fast das gesamte Volk der Herero in die Wüste jagen und gab einen Vernichtungsbefehl. Trotha ließ das Gebiet abriegeln und vergiftete die vorhandenen Wasserstellen. Tausende Herero verdursteten mitsamt ihren Familien und Rinderherden. Im so genannten Vernichtungsbefehl schrieb er: „Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. … Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“ Weit über 70 000 Herero (von 80 000–100 000) starben, etwa 10 000 Nama kamen ums Leben.

Im Juli 1915 ergab sich die deutsche „Schutztruppe“ in „Deutsch-Südwest“ den südafrikanischen Unionstruppen.

Nach der Niederlage 1918 verlor Deutschland durch den Versailler Vertrag offiziell alle Kolonien in Afrika und im Pazifik. Doch die koloniale Unterdrückung ging weiter …

Übrigens erklärte die deutsche Bundesregierung erst jetzt, im Juli 2015, es habe sich bei dem Verbrechen an den Hereros um einen Völkermord gehandelt.


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Leserbrief zu »Brutale Unterdrückung und Völkermord«, UZ vom 17. Juli 2015





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