Das Eastland-Disaster

Eine Schiffskatastrophe mit Ansage
Von AR
|    Ausgabe vom 17. Juli 2015

Am 24. Juli 1915 starben 845 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, als der US-amerikanische Ausflugsdampfer Eastland kenterte. Das Schiff lag noch fest vertäut am Südufer des Chicago River.

Ab morgens 6:30 Uhr waren über 2 500 Menschen, Arbeiter und Angestellte der Western-Electric-Company samt Familien, an Bord gegangen. Man wollte zu einer eintägigen Ausflugsfahrt über die Großen Seen starten, oft die einzige Freizeitgestaltung für Menschen, die kaum Urlaub hatten. Für sie stand eine ganze Flotte an Ausflugdampfern zur Verfügung. Diese sollten so viele zahlende Passagiere wie möglich aufnehmen und gleichzeitig so billig wie möglich sein.

Die Eastland war 1903 gebaut worden und litt unter starker Topplastigkeit. Sie neigte zum Krängen vor allem dann, wenn die Passagiere sich auf den oberen Plattformen aufhielten. Dies führte von Beginn an zu einigen Beinahe-Katastrophen. Das Schiff wurde mehrfach umgebaut, ohne dass das Problem wirklich behoben wurde. Die Betriebserlaubnis wurde aber immer wieder erteilt. Der letzte Umbau erfolgte nach dem Untergang der Titanic. Es wurden Rettungsboote angebracht, die das Problem der Topplastigkeit verschärften.

Um 7.10 Uhr am 24. Juli waren alle Passagiere an Bord. Die meisten standen dichtgedrängt auf dem Oberdeck. Das Schiff begann nach Backbord, vom Kai weg, zu krängen. Die Besatzung flutete die Balasttanks, um den Schwerpunkt tiefer zu legen und die Stabilität wiederherzustellen – ohne Erfolg. In diesem Moment passierte ein Kanu-Rennen das Schiff an Backbord, wohin sich nun die Masse der Deckspassagiere wandte. Das Schiff bewegte sich noch einmal ruckartig nach Backbord und kenterte. Die Opfer fanden sich vor allem unter Deck, sie wurden von Gegenständen erschlagen oder ertranken im schnell eindringenden Wasser.

Die offenkundigen Mängel der Schiffskonstruktion und die Tatsache, dass die Western-Electric-Company ihre Arbeiter verpflicht hatte am Ausflug teilzunehmen, führte zunächst zu heftigen Anklagen in der Presse. Und schließlich zu einem 20-jährigen Gerichts-Marathon. Schließlich erklärte 1935 das höchste angerufene Gericht, der „United States Circuit Court of Appeals“, dass die Reederei der Eastland nur verantwortlich sei für die Bergekosten des Schiffes, dass das Schiff im seetüchtigen Zustand gewesen sei und dass die Schiffsleitung ordnungsgemäß gehandelt habe. Lediglich der für die Ballasttanks verantwortliche und mittlerweile verstorbene Ingenieur sei schuldig gewesen.

Die Eastland überlebte auch dieses Schandurteil. Noch im Oktober 1915 war sie gehoben, zu einem Kanonenboot umgebaut und 1918 von der US Navy unter dem Namen USS Wilmette in Dienst gestellt worden. Sie diente als Trainingsschiff bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auf den großen Seen. Am 28. November 1945 wurde sie außer Dienst gestellt, am 19. Dezember 1945 aus der Schiffsliste gestrichen und 1947 abgewrackt.


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Leserbrief zu »Das Eastland-Disaster«, UZ vom 17. Juli 2015





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