Don Leon aus Zwönitz im Erzgebirge

Zum Kriminalroman „Romantische Lieder und eine Leiche“ von Klaus Walther
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 17. Juli 2015

Spannend geht es zu, so etwas ist geeignet als Urlaubslektüre: Bücher werden in dem Roman gestohlen, Merkwürdiges geschieht, ein Toter verschwindet, andernorts geschieht Ähnliches, noch ehe sich die Polizei der vermeintlichen Leiche annehmen kann, aber schließlich kommt doch Witwe Müller „unglücklich zu Tode“. Auf den ersten Blick ähnelt manches einer stichwortartigen Inhaltsangabe zu Donna Leons neuem Kriminalroman „Tod zwischen den Zeilen“, der sofort – wie sollte es anders ein – zum Bestseller wurde. Aber die Bücher und die Tote gehören nicht zu Donna Leons Roman, sondern der hier vorgestellte erschien Monate früher.

Was geschieht ist allerdings auch in diesem Roman aufregend, aber nicht erschreckend oder gar abstoßend, wie es heutzutage in vielen Kriminalromanen üblich ist, wo mit der Zahl der Toten und der Monstrosität der Morde geworben wird. In diesem Roman

Klaus Walther
Romantische Lieder und eine Leiche
Ein Bücher-Krimi
Mironde-Verlag, 2015
159 S., 12,90 Euro

geht es durchweg so beschaulich und ruhig zu wie zu Beginn, als der Antiquar Buchstaub – einer der sprechenden Namen des Romans – seine verblühten Rosen im Garten abschneidet, sein Kater es sich auf „dem kleinen Weinregal in der Nähe der Terrassentür“ bequem macht und die Ermittlungen auch am Stammtisch weitergeführt werden. Gebildete Kriminalisten werfen mit literarischen Zitaten von Schillers „Don Carlos“ bis zur „Jungfrau von Orleans“ um sich, als wären sie Literaturwissenschaftler, kommentieren, interpretieren und bewegen sich in der Literaturgeschichte von Zola, Gerhart Hauptmann und Thomas Mann bis zu Arno Schmidt. Der Kriminalist Maier murmelt sogar Kants Auslassung über das moralische Gesetz im Menschen vor sich hin. Ähnlich gehen Donna Leons Brunetti und seine Frau mit Augustinus und Tertullian und anderen um. Das anspruchsvolle Verfahren ermöglicht es den Autoren, über das Grundgerüst einer Kriminalhandlung Inhalte zu transportieren, die selten öffentlich gemacht werden, weil sie den sozialen Nerv treffen, aus dem Kriminalität entsteht. Mit der literarisch-philosophischen Befrachtung können solche Inhalte dem Interesse am Kriminalfall entzogen und zur kritischen Gesellschaftsbetrachtung erhoben werden.

Aber das spannende Geschehen spielt sich nicht in Donna Leons Venedig ab, sondern im sächsischen Niederstein-Lustthal, hinter dem der bewanderte sächsische Leser Hohenstein-Ernstthal vermuten kann, die Geburtsstadt des Karl May, auch eine Möglichkeit für Vorbilder, die den Roman flankieren. Der Ort des Verbrechens ist auch keine altehrwürdige Bibliothek wie die Biblioteca Merula, sondern das Antiquariat des Buch-, Wein- und Frauenliebhabers Buchstaub. Es wurden auch keine wertvollen Reisebeschreibungen aus dem 16. Jahrhundert gestohlen, sondern die Erstausgabe von Hermann Hesses „Romantischen Liedern“; wertvoll ist sie auch, 10 000 Euro könnte sie kosten. Andere Bücherdiebstähle, die Erstausgabe der Grimmschen Märchen, kommen hinzu.

Damit ist man bereits mitten in einem literarischen Gewirr von Bezügen und Verweisen, die der Autor Klaus Walther schafft: Er ist nicht nur Karl-May- und Hermann-Hesse-Biograf, sondern auch begeisterter Büchersammler und erfolgreicher Autor, Literaturkritiker und promovierter Literaturwissenschaftler, Verleger und Lektor. Kurz gesagt: Er kennt die Literatur aus unterschiedlichen Per­spektiven und ist bekannt als der „Bücher-Walther“; Freunde wie der Schriftsteller Helmut Richter („Über sieben Brücken musst du gehn“) bezeichnen ihn als „Überzeugungstäter auf dem Gebiet der Literatur“. Den Lesern der UZ ist er als Verfasser der Erinnerungen „Der schöne Monat Mai“ begegnet(vgl. UZ vom 27. 4. 2007).

Klaus Walther hat seinen dritten Kriminalroman vorgelegt. Im zweiten, in dem es um Wein ging, wird am Ende bereits der Diebstahl der „Romantischen Lieder“ gemeldet; die drei Romane gehören zusammen. Es ist eine Landschaft, es ist ein Menschenschlag und es ist eine unrealistische, dafür angenehme Handlung, in der Menschen miteinander freundlich und nett umgehen, der Stammtisch noch ein Zentrum der Information ist und die Handelnden des Romans auch Ähnlichkeiten mit bekannten Personen der Region haben, den Autor Klaus Walther als Dr. Wallner eingeschlossen. Ähnlich aber sind sich Klaus Walther und Donna Leon in der Behandlung der Vorgänge: Es sind in jedem Falle geldgierige Kriminelle, die Bücher stehlen, keineswegs Bildungsbeflissene oder Bibliomane.

Die anregende Urlaubslektüre erinnert an traditionelle Kriminalromane von Arthur Conan Doyle bis zu Agatha Christie, in denen viel gedacht, kombiniert und aus kleinsten Indizien geschlussfolgert wird, ohne dass schreckliche Szenarien und brutale Beschreibungen aufgeboten werden. Ähnlich sind sich beide Romane auch im Umgang mit den Vorgängen: Bei beiden Autoren macht Ironie einen wesentlichen Teil der Wirkung aus. Bei Walther findet sie sich schon im Titel: „Lieder“ und „Leiche“ stehen nebeneinander, als inhaltlicher Gegensatz, aber verbunden durch eine sogenannte Alliteration, die beiden L sind ein Stabreim. Und beide Bücher sind betulich und wenig aufregend, dafür bildungsgeladen.

Walthers Kriminalpolizisten arbeiten auch nicht mit modernster Technik, sondern mit Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, in Räumen, die sich in Auflösung befinden und „mehr einem verlassenen Kloster“ ähneln, denn die Polizeidirektion von Niederstein-Lustthal befindet sich in Auflösung, „nur noch drei Stühle, den Schreibtisch und einen metallenen Aktenschrank“ hat Kommissar Melzer zur Verfügung, alles andere ist schon in Kembach, womit Chemnitz gemeint ist. Polizei wird verringert, während die Unsicherheit unter der Bevölkerung wächst; auch das wird mitgeteilt.

Der neue Roman fügt sich mit zwei früheren zu einer Trilogie: In „Der Sachsendreier-Mord“ (2008) ging es um Briefmarken und den Mord an einer „Philatelisten-Witwe“, in „Burgunder ist so rot wie Blut“ (2011) um Weinfälschungen und den Mord „an einem alten Oberstudienrat“. Hier nun geht es um den Diebstahl von Büchern und den Tod einer Witwe; dahinter steht Gier, nicht krankhafte Bibliomanie.

Im ersten Roman bekennt sich der Hauptkommissar Maier zu Donna Leon, „eine der wenigen Autorinnen von Krimis, die ich mit Vergnügen lese“. Mit Vergnügen liest man auch Klaus Walthers neuen Roman, selbst Fußballfans kommen auf ihre Kosten, denn der Kriminalist Melzer ist in den Romanen Anhänger des FC Erzgebirge Aue, der sich „mal gut, mal weniger gut in der zweiten Liga“ bewegte, inzwischen aber abgestiegen ist. Darüber hinaus genießt der Leser die ironische Scharfsichtigkeit, mit der die gewählten gesellschaftlichen Ausschnitte analysiert werden. Denn das ausgebreitete literarische Umfeld des neuen Romans ist nicht nur unterhaltsam und heiter, sondern weist hintergründig auf eine zweite Ebene hin: Der Kriminalroman Klaus Walthers ist nicht nur eine unterhaltsame Urlaubslektüre, sondern auch eine ironische, manchmal sarkastische Analyse gesellschaftlicher Ausschnitte. Auch das hat er mit Donna Leons Romanen gemein, nur sind Walthers Handlungsräume nicht die aristokratischen Empfänge und Begegnungen, auf denen Brunetti seine Verbrecher sucht, sondern es ist der Alltag der kleinen Leute, die in den Kriminalisten noch Gesprächspartner finden. Daneben erleben sie einen Bürgermeister – „ein notorischer Dummkopf, der nur in der richtigen Zeit in der richtigen Partei war“. Doch geht der Kriminalroman über spannende Unterhaltung hinaus und wird zum satirischen Abbild moderner Verbrechen, über die Walthers Kriminalisten Maier und Menzel sowie die Kommissarin Lindner, die in den Romanen agieren, nur staunen: „Gauner“ trieben „Unternehmen in die Liquidation“, Bausünden aus den „Zeiten des sogenannten Wirtschaftswunders“ feierten nach der Wende im Osten Auferstehung, dubiose Beamte haben ihre Arbeit aufgenommen usw.

Der Roman ist nicht nur der 3. Band einer Trilogie, sondern auch der Abschluss eines Gesamtkomplexes: Solche Kriminalisten wird es nicht wieder geben, solche feingeistigen Ermittlungen haben kaum noch Platz und so ist der Schluss ernst zu nehmen: „Was soll man da antworten; es war ja alles schon gesagt.“


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Leserbrief zu »Don Leon aus Zwönitz im Erzgebirge«, UZ vom 17. Juli 2015





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