Er schätzte die „Tugend der Aufrichtigkeit“

Zum 300. Geburtstag des Fabeldichters Christian Fürchtegott Gellert
|    Ausgabe vom 10. Juli 2015

Ein Blinder und ein Lahmer treffen sich und beschließen, ihren Weg gemeinsam fortzusetzen: „Der Lahme hängt mit seinen Krücken/Sich auf des Blinden breiten Rücken./Vereint wirkt also dieses Paar,/Was einzeln keinem möglich war.“

Medaillon auf dem Gellert-Grabstein

Medaillon auf dem Gellert-Grabstein

( wikipedia-commons)

Diese bis heute bekannte Fabel schrieb Christian Fürchtegott Gellert, der am 4. Juli seinen 300. Geburtstag hatte. Sie macht die Art seiner Fabeln deutlich: Es ging um Lebenshilfe, Gemeinschaftssinn und eine praktische Sittenlehre, die er mit seinen moralischen Lehrsätzen verkünden und verbreiten wollte. Es ging um Ordnungen durch die Vernunft, Pflichterfüllung und Hilfsbereitschaft als Prinzipien des Naturrechts. Das und eine ausgeprägte Kriegsfeindschaft, die sich mit einer Ablehnung des preußischen Militarismus verband, ließen ihn zu einem der bekanntesten Dichter seiner Zeit werden. Insbesondere seine Fabeln, meist Tierfabeln in Gedichtform, bildeten die Grundlage seines Ruhms.

Auch wenn heute oft hochnäsig und ironisch über diesen erfolgreichen Schriftsteller der Aufklärung gesprochen wird, wenn überhaupt – die meisten Presseartikel und Beiträge anlässlich dieses Jubiläums machten keine Ausnahme – und ihm Langweiligkeit bescheinigt wird, so erscheint das als Versuch, einen volkstümlichen Dichter mit klaren moralischen Vorstellungen vom Umgang miteinander aus dem aktuellen Bewusstsein, wo Werte wie Pflichterfüllung, Ehrlichkeit, Nachbarschaftssinn und Bescheidenheit kaum mehr gefragt sind, zu verdrängen und ins Vergessen zu schicken. Das allerdings ist schon den Stürmern und Drängern, die Gellert als „fad“ einschätzten, und Goethe nicht gelungen, der bei Gellert in Leipzig studiert hatte und mit ihm nach dem Anbruch des Sturmes und Dranges und der Geniezeit nicht mehr viel anzufangen wusste, ihn aber für „brauchbar“ hielt. Gellert blieb aktuell, seine Dichtungen wirkten als Volksweisheit weiter: „Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt,/So ist es schon ein böses Zeichen;/Doch, wenn sie gar des Narren Lob erhält,/So ist es Zeit, sie auszustreichen.“

Gellert ist auch durch seine Auffassungen von Poesie präsent. Ganz der Aufklärung verpflichtet, wollte er durch Dichtung unterhalten, erziehen und bilden und verließ sich dabei auf die alltägliche Vernunft. Gepflegt werden diese Erinnerungen an ihn in der sächsischen Stadt Hainichen, der Geburtsstadt des Dichters, die ein bemerkenswertes Museum unterhält, 1985 eröffnet, 2005 nach vierjähriger Sanierung wieder eröffnet, 2010 bereits wieder zur Disposition gestellt. Es blieb bisher erhalten und erweist sich als lebendig und als Anlaufpunkt heutiger Schriftsteller und bildender Künstler gleichermaßen.

Gellert war ein vielseitiger Mensch, war Aufklärer, Erzieher und Dichter, Professor und Philosoph. Seine „Fabeln und Erzählungen“ waren im 18. Jahrhundert neben der Bibel das meistverkaufte deutsche Buch; es wurde in allen Schichten gelesen und Gellert unternahm viel, um auch die weniger geschulten Geister mit seinen moralischen Vorstellungen zu überzeugen. Dazu dienten ihm seine poetischen Bilder, aber auch die Übersetzung menschlicher Verhaltensweisen auf Tiere. Als in der Fabel „Die Biene und die Henne“ die beiden Tiere über ihre Nützlichkeit streiten, wird die Biene mit der stillen Dichtung – im Gegensatz zum lautstarken Geschrei der Henne – zum Vorbild: „Du fragst, was nützt die Poesie?/Sie lehrt und unterrichtet nie./Allein, wie kannst du doch so fragen?/Du siehst an dir, wozu sie nützt:/Dem, der nicht viel Verstand besitzt,/Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen.“

Welche Poesie er schreiben wollte und auch schrieb, wurde in seinem Urteil über den seinerzeit hochverehrten Klopstock erkennbar, dessen große Gedanken ihn begeisterten, der aber in Anbetracht seiner poetischen Mittel nie „ein Poet für die Welt, sondern nur für wenige Leser“ werde. Legenden besagen, dass dem mit mäßigem Gelde ausgestatteten Gellert – 1764 schrieb er der Schwester, er sei „vom Gelde entblößt“ – die Menschen Sachgeschenke, vor allem Nahrung und Holz, ins Haus brachten, damit er einigermaßen leben konnte. Er bedankte sich mit seinen volkstümlichen, lebensnahen, weit verbreiteten und verständigen Dichtungen, die nicht aristokratische Lebensführung, sondern das alltägliche Leben einfacher Menschen betraf. Viele seiner Gedichte wurden vertont, auch von Beethoven und Haydn.

Christian Fürchtegott Gellert wurde 1715 als Sohn eines Pfarrers in Hainichen geboren und wuchs in wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen auf. Er besuchte von 1729 bis 1734 die berühmte Fürstenschule St. Afra in Meißen, zu deren Absolventen auch G. E. Lessing gehörte. Danach studierte er in Leipzig Theologie, Philosophie und Literatur, unter anderem bei Gottsched, und verdiente sich nach einer Studienunterbrechung 1739 die Mittel für den Studienabschluss als Hauslehrer. Er arbeitete vier Jahre an den „Bremer Beiträgen (Belustigungen des Verstandes und des Witzes)“ mit, einer Zeitschrift, die Klopstock beförderte und Gottsched kritisierte. Nach Zwischenstufen wurde er schließlich ein erfolgreicher außerplanmäßiger Professor, der Dichtung und Moral, Rhetorik und Pädagogik lehrte. Er war bescheiden und freundlich, was als devot gelten konnte, aber er entwickelte dabei eine erstaunlich selbstbewusste bürgerliche Morallehre, die er auch lebte: Als 1758 im Siebenjährigen Krieg ein ihn bewundernder Husarenoffizier ihm einen Teil seiner Kriegsbeute anbot, dazu auch Waffen und eine Knute, lehnte Gellert ab, führte den Husar vor den Bücherschrank und sagte: „Dieses ist mein Gewehr, Herr Leutnant, mit dem ich umzugehen weiß … Wollen Sie sich ein Andenken von meiner gelehrten Beute auslesen?“ Der Husar wählte sich Gellerts „Trostgründe wider ein sieches Leben“ – von Gellert auch zum Umgang mit der eigenen kränklichen Konstitution gedacht – und wies seine Kameraden auf Gellerts einzigen Roman „Leben der schwedischen Gräfin von G.“ hin. Als der Offizier anbot, Gellert seinen Vorgesetzten oder gar Friedrich II. von Preußen zu empfehlen, lehnte der mit der Bemerkung ab: „… empfehlen Sie ihm den Frieden in meinem Namen fußfällig.“ Ähnlich antwortete er dem König, der ihn schätzte, selbst und erbat als entschiedener Kriegsgegner Ruhe und Frieden von ihm.

Als er schließlich ordentlicher Professor werden sollte, was ihm finanziell geholfen hätte, wollte er, inzwischen melancholisch geworden, die Berufung aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr annehmen. Bei Bekannten entschuldigte er sich, weil er ein „hypochondrischer Freund“ sei. Er hatte trotz guter Vorsätze und eines von ihm behaupteten „Glücks bei den Frauenzimmern“ nicht geheiratet und starb, einsam wie er gelebt hatte, 1769 in Leipzig, von vielen betrauert. Sein Grab musste zeitweise wegen des Andrangs gesperrt werden, zumal Besucher eine Handvoll Erde zur Erinnerung mitzunehmen versuchten. Aber seine letzte Ruhe fand er, nachdem sein Grab mehrfach verlegt wurde, erst 1968 auf dem Südfriedhof. Geblieben sind viele seiner Fabeln und Gedichte, manche dabei nicht nur belehrend, sondern auch satirisch wie jene Glorifizierung eines Greises, der sein Leben nicht genutzt hat und über den es wenig zu sagen gibt: „O Ruhm, dring in der Nachwelt Ohren,/Du Ruhm, den sich mein Greis erwarb!/Hört, Zeiten, hört’s! Er ward geboren,/Er lebte, nahm ein Weib und starb.“ Oder das Gedicht über einen Selbstmörder, der seinen Entschluss ändert: „Er reißt den Degen aus der Scheide,/Und – o, was kann verwegner sein!/Kurz, er besieht sich Spitz‘ und Schneide/Und steckt ihn langsam wieder ein.“

Geblieben sind einige protestantische Lieder, am bekanntesten das von Beethoven vertonte „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Auswahlausgaben sind vorhanden. Wer sich überwinden kann, den oft lächerlich gemachten Roman „Leben der schwedischen Gräfin von G.“ (1747/48) zu lesen, wird erstaunt einen durchaus anspruchsvollen Abenteuerroman finden, voller Verführung und Gefangenschaften, Flucht und Blutschande, englischen Vorbildern folgend und zu einem der ersten deutschen bürgerlichen Romane werdend. Neben dem Abenteuerlichen unternimmt es Gellert, manches übertreibend, aristokratisches Leben durch bürgerliche Haltungen zu verdrängen. Der junge Schiller benutzte den Roman für seine „Anthologie auf das Jahr 1782“ und empfahl Gellert zur Lektüre. Der Roman erschien 40 Jahre vor der Französischen Revolution von 1789, Gellerts gesellschaftskritische Überlegungen fanden noch keine politische Entsprechung in der Wirklichkeit, wirkten aber an deren Herausbildung mit.


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Leserbrief zu »Er schätzte die „Tugend der Aufrichtigkeit“«, UZ vom 10. Juli 2015





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