Zeitgeschichte im Spiegel von Postkarten

Ein Projekt der Willi-Bredel-Gesellschaft in Hamburg
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 3. Juli 2015

Die Postkarte kommt groß raus. Jedenfalls ist das der Plan von René Senenko, Leiter des Projektes mit dem sperrigen Namen „Beispiele zeitgenössischer Postkarten gegen Kapitalismus, Kriegsgefahr und Faschismus. Zeitgeschichte zwischen den Weltkriegen im Spiegel alter Postkarten“, der Geschichtswerkstatt in der Hamburger Willi-Bredel-Gesellschaft.

Viele der bisher im Rahmen des Projektes mehr als 300 gesammelten Motive von Postkarten sind wenig bekannt. Der Grund ist laut Senenko einfach: „Plakate fanden in der Geschichtsschreibung und Kunstgeschichte schon immer ein größeres Interesse. Und sie eignen sich für Ausstellungen, Museen und Veranstaltungen weit besser zur Veranschaulichung eines Themas als kleinformatige Dokumente. Zudem wurden Plakate häufig von bekannten Künstlern entworfen, sodass sie seit langem ein Genre der Kunst- und Mediengeschichte sind.“

Die Bildpostkarte ist zwar nie aus dem Schatten des „großen Bruders“ Plakat herausgetreten, entwickelte sich aber wegen ihres Gebrauchswerts als Spendenkarte, Andenken, Sammelobjekt und Mitteilungsmedium eigenständig. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte dafür ist die Postkartenaktion „Eine Million Rosen für Angela Davis“, aus der DDR, wo Schulklassen gehalten waren, eine Rose für die Inhaftierte auf eine leere Postkarte zu malen. Als die Bürgerrechtlerin Anfang der 1970er Jahre in den USA wegen eines konstruierten Vorwurfs mit der Todesstrafe bedroht war, schickten ihr weltweit Menschen Postkarten ins Gefängnis. Vor allem erinnert sie sich an Wäschekörbe voller Postkarten aus der DDR. Als Hommage an die vielen (damals) jungen Künstlerinnen und Künstler startete sie kürzlich eine Postkarten-Aktion für den seit mehr als 33 Jahren inhaftierten US-Journalisten Mumia Abu-Jamal.

Das Projekt von Senenko kapriziert sich auf die Jahre zwischen den 1. und dem 2. Weltkrieg. Objekt sind politische Postkarten aus der ganzen Welt. Unter den bislang zusammengetragenen Motiven finden sich interessante Sammlerstücke. Neben Postkarten mit Motiven von Käthe Kollwitz z. B. Karten aus Finnland aus dem Jahr 1927 zur Solidarität mit Ferdinando „Nicola“ Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Sacco und Vanzetti waren aus Italien in die USA eingewanderte Arbeiter, die sich der anarchistischen Arbeiterbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden Opfer eines Justizmordes: ihnen wurde die Beteiligung an einem Raubüberfall vorgeworfen, in einem fragwürdigen Prozess wurden sie zum Tod verurteilt und am 23. August 1927 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. 1977 wurden beide posthum rehabilitiert.

Außerdem befindet sich in der Sammlung eine Protestkarte gegen die Ausbürgerung Albert Einsteins durch die Nazis aus den USA von 1935. Insgesamt wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 39 006 Personen ausgebürgert. Mit den Nürnberger Gesetzen behielten Jüdinnen und Juden zwar noch ihre deutsche Staatsangehörigkeit, waren aber nicht mehr gleichberechtigt. Nach dem 25. November 1941 verloren sie ihre Staatsbürgerschaft, wenn sie die deutsche Reichsgrenze überschritten.

Unter den bislang gesammelten Stücken sind auch eine Postkarte der Arbeiterfotografen von 1928, eine Protestkarte von internationalen Frauenorganisationen gegen den Eroberungsfeldzug des faschistischen Italien in Äthiopien, ebenfalls von 1935, sowie eine Karte von der 1.-Mai-Feier in Palästina von 1937 zu sehen.

Das Projekt wurde im Mai 2015 mit einer ersten Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf acht Tafeln wurden Postkarten der internationalen Befreiungskampagne für Ernst Thälmann aus den Jahren 1933 bis 1939 präsentiert, darunter auch Karten aus Kuba und den USA.

Im Rahmen des Projektes soll eine umfangreiche Sammlung angelegt sowie Ausstellungen und Publikationen erstellt werden. Geplant ist eine Laufzeit von 2016 bis 2018.


Infos unter: http://www.proletcard.info/


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Leserbrief zu »Zeitgeschichte im Spiegel von Postkarten«, UZ vom 3. Juli 2015





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