Die starken Frauen von Rojava

Eine spannende Reise durchs „wilde Kurdistan“
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 26. Juni 2015

Im Spätsommer vergangenen Jahres geriet ein kleiner syrischer Landstrich, von dem bis dahin kaum jemand Notiz genommen hatte, weltweit in die Schlagzeilen: die kurdische Provinz Rojava. Die Situation im Herbst 2014 war dramatisch und änderte sich stündlich. Während ich vor dem Fernseher saß und fassungslos einen Weltspiegel-Bericht schaute, in dem die fast menschenleere Stadt Kobanê gezeigt wurde, postete Anja Flach, die selbst vor Jahren als „Heval Pelda“ bei der Frauenarmee der PKK gekämpft hat, bei facebook: „Kobanê füllt sich langsam wieder mit Leben“.
Gemeinsam mit dem Umweltingenieur Ercan Ayboga und dem Historiker Michael Knapp bereiste die Hamburger Ethnologin Rojava nach der Befreiung vom IS-Terror. Ergebnis dieser Reise ist der informative und spannende Band „Revolution in Rojava – Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo“, erschienen im VSA-Verlag, über Geschichte, Gegenwart und Perspektive nicht nur von Rojava, sondern für die kurdische Bewegung. Für die Linke generell, denn was die syrischen Kurdinnen und Kurden erschaffen haben, während das Land in Chaos und Krieg versank, ist beispiellos.
Im „kleinen Süden“, wie der syrische Teil Kurdistans genannt wird, lebten vor dem Krieg etwa 2,3 Mio. Kurdinnen und Kurden, sie wurden seit Anfang der 60er Jahre systematisch verfolgt und vertrieben. Auch vom Baath-Regime. Nach einer Volkszählung in der Provinz Al-Hasaka 1962 wurden etwa 120 000 Menschen die syrische Staatsangehörigkeit aberkannt. Es folgte 1973 der Besiedlungsplan des „Arabischen Gürtels“: landwirtschaftliche Gebiete wurden enteignet und statt der kurdischen Eigentümer wurden arabische Familien aus z. T. weit entfernten Regionen dort in 42 Siedlungen angesiedelt.
1986 wurde in der Provinz Al-Hasaka die kurdische Sprache an Arbeitsstellen verboten, 1989 kurdische Lieder, 1992 kurdische Namen für Neugeborene, 1994 wurden Geschäfte und Betriebe geschlossen, die kurdische Namen trugen, und 1998 209 Dörfer mit kurdischen Namen arabisiert. Dieses Gebiet, in dem die Kurdinnen und Kurden zwangsangesiedelt wurden, ist jenes Rojava, das Ende 2014 die Medien beherrscht.
Während das Land um sie herum in Chaos und Krieg versank, setzen sich die syrischen Kurdinnen und Kurden militärisch gegen Angriffe islamischer Fundamentalisten zur Wehr und gründeten ihre Autonome Republik. In der Stadt Kobanê nahmen in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 2012 die Kräfte der YPG/YPJ gemeinsam mit den EinwohnerInnen der Stadt die staatlichen Einrichtungen ein und verdrängten die Kräfte des Assad-Regimes unblutig aus der Stadt. Angespornt von der Befreiung Kobanês kam es in den Folgetagen zu ähnlichen Befreiungsaktionen in weiteren Regionen Rojavas. Binnen kurzem waren große Teile der kurdisch besiedelten Gebiete Syriens vom Baath-Regime befreit.
In der Folgezeit baute die Bevölkerung in der Region Selbstverwaltungsstrukturen auf und begann das öffentliche Leben auf demokratisch Weise zu regeln. Dieser Prozess wird als „Revolution vom 19. Juli“ bezeichnet. Der Frauenverband YPJ spielt eine wesentliche Rolle im Kampf, da wollen sich die Frauen beim Aufbau der Zivilgesellschaft nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.
Obwohl sowohl Kräfte des Baath-Regimes, aber immer wieder auch Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) und der Al-Nusra-Front, Angriffe auf Rojava unternahmen, blieb die Region im Vergleich zum übrigen Syrien, das im Bürgerkrieg versank, relativ stabil. Aus diesem Grund suchten auch viele Menschen aus den übrigen Teilen des Landes, die aufgrund des anhaltenden Krieges ihre Heimat verlassen mussten, Zuflucht in Rojava.
Allein in Kobanê wuchs dadurch die Einwohnerzahl binnen kurzer Zeit von etwa 300 000 auf rund 500 000. Trotz anhaltenden wirtschaftlichen Embargos gegen die Region – so hielt beispielsweise die Türkei seit Beginn der Revolution praktisch durchgehend ihre Grenzen selbst für humanitäre Unterstützung verschlossen – versuchten die EinwohnerInnen mit ihren begrenzten Möglichkeiten ihr Überleben zu sichern.
Heute ist Kobanê einer der drei Kantone in Rojava, in denen im November 2013 die Autonomie mit einer demokratischen Verfassung unter Beteiligung aller religiösen und ethnischen Gruppen beschlossen und im Januar 2014 ausgerufen wurde. Mit dem Erstarken von ISIS in Syrien und im Irak entwickelte sich allerdings eine ständige Gefahr für die Region. Rojava ist seither Zielscheibe dieser Organisation. Nicht auch, sondern gerade wegen der starken kurdischen Frauen.
Wer sich auf eine spannende Reise durchs wilde Kurdistan begeben, sich mit dessen Geschichte, den Auswirkungen eines Jahrzehnte währenden Krieges mit Zigtausenden Opfern, den Errungenschaften dieses entschlossenen Widerstands, den Widrigkeiten von außen, denen die Bevölkerung dabei ausgesetzt ist, und Antworten – oder zumindest Denkanstöße – für viele Fragen sucht, die sich nicht nur in Kurdistan stellen, der oder dem sei dieser Band wärmstens ans Herz gelegt.

Anja Flach, Ercan Ayboga, Michael Knapp, Revolution in Rojava – Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo, VSA-Verlag, 350 S., 19,80 Euro


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Leserbrief zu »Die starken Frauen von Rojava«, UZ vom 26. Juni 2015





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