Schuhindustrie: Einmal Vietnam und zurück?

adidas holt Teile der Produktion aus dem Ausland zurück nach Herzogenaurach
Von Sigurd Mutiger
Aus „Marxistische Blätter“ 4/2015
|    Ausgabe vom 26. Juni 2015
Schuhproduktion in Vietnam (Foto: SGGP)
Schuhproduktion in Vietnam (Foto: SGGP)

Billige Arbeitskräfte, laxe Umweltschutzvorschriften und geringe Steuern wurden in den letzten 20 Jahren von den Unternehmen der Bekleidungs- und Schuhindustrie genutzt, um die Herstellung dieser Produkte in Länder wie Vietnam, Kambodscha, Bangladesch auszulagern. Jetzt gibt es Bestrebungen die Produktion mit Hilfe modernster IT-Techniken zurückzuholen. Der Sportartikel-Konzern Adidas sprintet hierbei voran.
Hintergrund dieser Überlegungen sind neue Markttrends in Verbindung mit modernster Technologie. Letztere ebnet den Weg zu einer weiteren Stufe bei der automatischen Steuerung der Produktion von Investitions- und Verbrauchsgütern. Die Rationalisierungsmöglichkeiten sind so groß, dass von einer neuen Industriellen Revolution gesprochen wird. Das Schlagwort lautet Industrie 4.0. Bei der Hannover Messe im April 2015 wurde das Thema von den Ministern Sigmar Gabriel (Wirtschaft) und Johanna Wanka (Bildung und Forschung) als eines der wichtigsten Zukunftsprojekte für Deutschland in die Öffentlichkeit getragen. Die sozialen Folgen der neuen Technologie sind aber umstritten. Experten für Technologiefolgenabschätzung weisen zu Recht darauf hin, dass Industrie 4.0 den möglichen Verlust einer großen Zahl von Arbeitsplätzen in Deutschland mit sich bringen könnte. Dass diese Gefahr aber nicht nur in den hochentwickelten technischen Ländern besteht, sondern auch in den Ländern, in denen derzeit unsere Kleidung, Schuhe, Mobiltelefone etc. gefertigt werden, wird bislang so gut wie nicht betrachtet. Die Folgen der Hochautomatisierung mit Industrie 4.0 könnten sich in Ländern wie Vietnam sogar noch gravierender auswirken, als bei uns.

Forschungsprojekt Speedfactory
In einem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Projekt mit dem Namen Speedfactory wird „… eine automatisierte Einzelstückfertigung entwickelt, in der Menschen und Roboter in gemeinsamer Arbeitsumgebung Sportartikel produzieren … und innerhalb kurzer Zeit vom Design bis zum finalen Produkt kostengünstig und flexibel hergestellt werden.“ heißt es auf der Homepage zu diesem Forschungsvorhaben. Die Partner für das Projekt sind der Sportartikel- und Schuhhersteller adidas, ein Unternehmen für Spezialtextilien und hoch automatisierte Nähmaschinen, die IT-Firma Johnson Controls sowie die TU München und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen.
Ziel des Projekts ist die industrielle Kleinstserienfertigung bis zur Losgröße 1. Unter Nutzung aktueller Technologien und optimaler Mensch-Roboter-Interaktionen sollen sehr kurze Taktzeiten mit höchster Flexibilität erreicht werden. Ziel ist eine Verminderung der Transaktionen (gemeint sind Transporte der Waren) über die Kontinente hinweg. Die Produktion von Mode- und Sportartikeln soll wieder verstärkt in Europa stattfinden. Die Wettbewerbsfähigkeit soll durch kürzere Logistikwege (physisch und informell) und damit schnellere Reaktion auf Kundenwünsche und Modetrends erhöht werden.
Hintergrund dieser Vorstellungen sind Modeströmungen, in denen Menschen ihre Schuhe nicht mehr aus dem Regal kaufen, sondern diesen eine ganz individuelle Gestaltung in Bezug auf Passgenauigkeit, Farbe, Muster und Material verpassen können. Das Szenario ist der Schuhladen, in dem eine Kundin oder ein Kunde seinen/ihren Fuß in einen Scanner steckt und vermessen lässt. Anschließend wird aus einem Musterkatalog die Farbe der Sohlen und des Obermaterials ausgesucht. Gegebenfalls kann sogar das eigene Muster der Schuhe mitgebracht werden. Die Daten gehen dann per Internet an die Produktionsstätten.
Ein solches Geschäftsmodell funktioniert allerdings nicht, wenn die Schuhe händisch in Vietnam hergestellt werden. Die Lieferzeiten wären zu lang und die Kunden wollen ihre Schuhe, wie gewohnt, ja am liebsten gleich mit nach Hause nehmen oder sie sich innerhalb von ein oder zwei Tagen zuschicken lassen. Aus diesem Grund wurde die Idee entwickelt, solche Schuhe vollautomatisch zu fertigen. Und das kann man dann in Deutschland und all den anderen Märkten, in denen Adidas Schuhe verkauft, machen. Das würde selbst in den Märkten passieren, in denen die Schuhe heute von Hand gefertigt werden, denn auch dort gelten Modetrends. Vielleicht ein wenig andere als unsere, aber das kann mit der IT-Technik ja problemlos ‚marktgerecht‘ realisiert werden. Die Arbeitssklaven in der Schuhindustrie in Vietnam und Kambodscha würden nicht mehr gebraucht. Dass diese Vorstellungen keine ferne Zukunftsvision sind, zeigt das Speedfactory-Projekt. Es wurde 2013 gestartet und soll bereits 2016 konkrete Ergebnisse zeigen. Ein Netzwerk kleiner, flexibler Produktionsstätten in Kundennähe soll die zentralisierte Herstellung in wenigen Großbetrieben ersetzen. Der Sportartikelhersteller könnte viel schneller und flexibler auf Nachfrageänderungen und individuelle Kundenwünsche reagieren, als dies mit einer einzigen Produktionsanlage möglich wäre. „Das Ziel ist es, flexibel, lokal und auf kleinstem Raum zu produzieren“, sagt Gerd Manz, Vice President Technology Innovation bei Adidas.
Die IT-Technologien und die Maschinen für diese Vorgehensweise erlauben dies. Informatiker und Maschinenbauer arbeiten intensiv daran, solche Lösungen bereitzustellen. Vor allem bei der fußgenauen Anpassung von Sohlen werden sich neue Fertigungsmethoden mittels 3D-Druck bewähren können. Bei dieser Fertigungsmethode werden die Sohlen der Schuhe nicht mehr in einer speziellen Form gepresst, sondern im Schichtverfahren quasi scheibchenweise aufgebaut. Diese Maschinen werden Drucker, oder exakter 3D-Drucker, genannt und sind heute im Musterbau und der Kleinserienproduktion bereits im industriellen Einsatz. Es ist die Kombination dieser Fertigungstechnik und der IT, die einen enormen Schub in der Produktivkraftentwicklung möglich macht.

Gravierende Folgen für die Arbeiter der Lieferfabriken in Asien?
Was dies für die Fertigungsstandorte in Vietnam, Kambodscha, Bangladesh und Indien bedeutet, wird bislang kaum diskutiert oder gar in Forschungsprojekten untersucht. Die Produktion von Schuhen ist zum Beispiel für Vietnam einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche. Mit einem Umsatzvolumen von 8.5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 nahm sie Platz 3 bei den Industrieproduktion des Landes ein. Nach Angaben des Verbandes der vietnamesischen Leder- und Schuhindustrie LEFASO (Vietnam Leather and Footwear Association) wurden 2014 sogar für 10,2 Mrd. US-Dollar Schuhe hergestellt. 2015 soll die Produktion nochmals steigen auf dann 14 Mrd. Weit über eine Million Beschäftigte arbeiten in ca. 600 Betrieben dieser Branche. Allein zirka 90 000 in der Schuhfabrik Pou Yuen Vietnam in Ho-Chi-Minh-Stadt, die zu einem chinesischen Konzern gehört. Wenn dieses Wirtschaftssegment wegbricht, hat dies einschneidende Folgen sowohl für die Betroffenen als auch für die Volkswirtschaft dieser Länder.

Industrie 4.0 streikt nicht
Die neuen technischen Möglichkeiten kommen den Schuh- und Bekleidungsunternehmen gerade recht. Zum einen sind die Arbeitsbedingungen in den Fabriken Asiens so miserabel, dass das Image der Hersteller darunter leidet. Die naheliegende Konsequenz, diese Bedingungen zu ändern, steht allerdings nicht auf der Agenda der Konzerne. Ein weiterer Grund, der die Konzerne zur Überlegung bringt die Fertigung zurückzuholen, ist die wachsende Bereitschaft der Arbeiterinnen und Arbeiter in Asien gegen die miesen Arbeitsbedingungen, Unternehmerwillkür und für sozialpolitische Forderungen zu streiken.
So haben zum Beispiel Tausende Arbeiter in Vietnam Ende März 2015 sechs Tag lang in Folge die Schuhfabrik Pou Yuen bestreikt, in der auch Marken wie Nike und Adidas produziert werden. „Die Fabrik ist einer von mehr als 1 000 Adidas-Zulieferern, allerdings einer der etwas größeren. Die Protestveranstaltungen in und vor der Fabrik in einem Vorort von Ho-Chi-Minh-Stadt verliefen diszipliniert und friedlich“ berichtete die Tagesschau am 2. April 2015.
Die Mitarbeiter des Werks wehren sich gegen Änderungen im Sozialrecht. Demnach sollen sie ab 2016 im Falle ihrer Kündigung keine Einmalzahlung mehr erhalten, sondern einen monatlichen Zuschuss zur Sozialversicherung. Dieser würde allerdings erst fällig, wenn sie das Rentenalter erreicht haben: Männer wenn sie 60 sind und Frauen mit 55 Jahren. Die Streikenden verlangen jedoch eine sofortige Abfindung, um einen finanziellen Puffer zu haben, bis sie eine neue Anstellung finden.
Die Betreiber des bestreikten Werks Pou Yuen Vietnam, forderten sehr schnell von der Regierung eine rasche Lösung des Problems, um die Arbeiterinnen und Arbeiter zu besänftigen. Auch Adidas äußert sich zu diesem Streik: „Wir verfolgen die Situation vor Ort sehr genau und stehen im engen Kontakt mit Pou Yuen“, teilte Adidas mit. Der Fabrikbetreiber befände sich in Diskussionen mit der lokalen Regierung, um eine Lösung des Konfliktes herbeizuführen. Das heißt nichts anderes, als dass sich die Konzerne erdreisten, direkt in die Politik völlig souveräner Staaten einzugreifen.

Regierung Vietnams geht auf die Forderungen ein
Nach einem Treffen von Ministerpräsident Nguyen Tan Dung mit Repräsentanten des Arbeitsministeriums und Gewerkschaftsvertretern kündigte die Regierung an, die Neuregelung des Sozialrechts zu überarbeiten. Die Arbeiterinnen gingen daraufhin zurück in die Fabrik.
Der stellvertretende Arbeitsminister Doan Mau Diep schlug vor, die Angestellten sollten wählen dürfen, ob sie bei ihrem Ausscheiden aus der Firma eine einmalige Gutschrift zur Sozialversicherung in Anspruch nehmen wollen oder sie erst beim Renteneintritt erhalten.

Fazit:
Was für Schuhe gilt, gilt auch für Kleidung. Auch dort gibt es diese Überlegungen. Es ist also zu befürchten, dass die Textil-Arbeiterinnen und Schuh-Arbeiter in der globalen Wirtschaftsordnung trotz geringer Löhne und mieser Arbeitsbedingungen ihre Jobs wieder verlieren könnten. Das Ganze würde dann bei uns vermutlich auch noch positiv verkauft, weil unsere Industrie Jobs zurückholt. Nochmals ein Originalton in einem Statusbericht zum Projekt Speedfactory: Das Projekt soll helfen „… unseren schönen Mittelstands-Ort Deutschland zu sichern …. adidas hat bereits Anstrengungen unternnommen, Teile der Produktion aus dem Ausland zurück nach Herzogenaurach zu holen. Grund: Lieferzeiten von sechs Wochen für Trikots, Fußballschuhe und andere Hypeartikel sind natürlich zu lang. Wer Weltmeister geworden ist, will seinen Stolz möglichst gleich am nächsten Tag am Leib tragen.“

 

Vorabdruck aus „Marxistische Blätter“ 4/2015


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Leserbrief zu »Schuhindustrie: Einmal Vietnam und zurück?«, UZ vom 26. Juni 2015





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