Angela und Mumia

Postkarten Aktion 2.0
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 19. Juni 2015

„Eine Million Rosen für Angela Davis“, schickten Anfang der 1970er Jahre ganze Schulklassen aus der DDR per Postkarte der in den USA aus fadenscheinigen Gründen inhaftierten und von der Todesstrafe bedrohten Black-Panther-Aktivistin. Die Postkarten mit Rosenmotiven wurden ihr Körbe weise in die Zelle gebracht. An diese Wäschekörbe voller Postkarten aus der DDR erinnert sie sich noch heute gern und oft.

Im Jahre 1970 versuchte der Bruder eines inhaftierten Black-Panther-Aktivisten diesen im Rahmen einer Gerichtsverhandlung zu befreien – mit einer Waffe, die auf den Namen Angela Davis gekauft wurde. Obwohl sie selbst überhaupt nicht im Gerichtssaal anwesend war, wurde sie wegen des Vorwurfs „Unterstützung des Terrorismus“ angeklagt. Das FBI setzte sie auf die Liste der „zehn meist gesuchten Verbrecher“ der USA. Sie wurde verhaftet, und ihr drohte der Tod auf dem elektrischen Stuhl. Am 4. Juni 1972 wurde sie von allen Anklagepunkten frei gesprochen. Im Dezember 1972 folgte sie einer Einladung in die DDR, wo sie von Erich Honecker empfangen wurde.

Diese symbolischen Rosengrüße will sie nun zurück geben. Und zwar an den seit 1981 inhaftierten Journalisten Mumia Abu-Jamal. Der wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Dezember schwer verletzt in Philadelphia verhaftet, weil er den Polizisten Daniel Faulkner erschossen haben sollte. In einem ähnlich fadenscheinigen Prozess wie dem gegen Angela Davis wurde er im Sommer 1982 zum Tode verurteilt. Fast auf den Tag genau 30 Jahre lang drohte ihm die Exekution. Am 7. Dezember 2011 wurde die Todesstrafe endgültig in lebenslange Haft umgewandelt. Wobei lebenslang tatsächlich bis zum Tode bedeutet. Die Tatsache, dass die Gegenseite, die Staatsanwaltschaft Philadelphia, auf weitere juristische Schritte gegen die Umwandlung in lebenslange Haft verzichtete, kommt einem Eingeständnis seiner Unschuld gleich. Hätte sie die juristischen Möglichkeiten ausschöpfen wollen, hätte das Verfahren quasi neu aufgerollt werden müssen. Dann hätte Mumia laut Aussage seines ehemaligen Anwalts Robert R. Bryan ganz zweifelsfrei seine Unschuld beweisen können.

Als Radio-Reporter hatte er sich schwerpunktmäßig mit rassistischer Polizeigewalt beschäftigt, und dabei auch die Namen der Verantwortlichen öffentlich genannt. Das brachte Politiker und den Polizeipräsidenten gegen ihn auf. Die einzige logische Erklärung für die Verhaftung, die konstruierte Anklage und den manipulierten Prozess jedenfalls ist, dass die herrschende Elite Philadelphias den mit mehreren Medienpreisen ausgezeichneten Journalisten, der sich als „Stimme der Unterdrückten“ einen Namen gemacht hatte, zum Schweigen bringen wollte.

Das ist allerdings nur suboptimal gelungen: war Mumia Abu-Jamal eine lokale und in der schwarzen Bewegung überregional bekannte Berühmtheit, genießt er heute als Buchautor und Kolumnist weltweites Renommee.

Trotzdem ist und bleibt er inhaftiert. 30 Jahre Haft, davon die meisten in einem unterirdischen Bunker ohne jedes Tageslicht, haben ihre Spuren hinterlassen: Mumia ist schwer gesundheitlich angeschlagen, und ihm wird eine adäquate Behandlung externer Ärzte seiner Wahl verweigert. Seine Angehörigen, das Anwaltsteam und Unterstützende weltweit fordern daher die sofortige Entlassung aus humanitären Gründen.

Mit ihrer Postkarten-Aktion, die sie als Hommage an die herausragende Welle der Solidarität, die sie einst selbst erfahren konnte, von Berlin aus startete, stellt sich Angela Davis nun (zumindest vorübergehend) an die Spitze dieser Bewegung. Adressat ist Tom Wolf, Gouverneur von Pennsylvania, der so aufgefordert werden soll, Mumia sofort aus der Haft zu entlassen.

„,Eine Million Rosen für Angela‘ begann in Berlin – und von Berlin aus beginnen wir jetzt unsere neue Kampagne“, so Davis zur Begründung. „Ich bitte euch: Gestaltet und schreibt Postkarten an Gouverneur Wolf – schreibt sie zentnerweise und fordert: Freiheit für Mumia Abu-Jamal – JETZT!“


Infos zur Postkarten-Aktion: http://bring-mumia-home.de/Schreibt_Postkarten.html


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Leserbrief zu »Angela und Mumia«, UZ vom 19. Juni 2015





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