Solidarität gegen Räumung

Schwerbehinderter soll seine Wohnung verlassen
Von UZ
|    Ausgabe vom 19. Juni 2015

Der Hans Beimler Chor aus Berlin gab in Potsdam ein Solidaritätskonzert unter dem gesungenen Motto „Wenn du keine Wohnung hast, geh spazieren“. Es stammt in Wort und Ton aus Hanns Eislers Chorsätzen von 1928 („Kurze Anfrage“) und stärkte dem körperbehinderten Oliver Lenz den Rücken, der seit mehr als zehn Jahren in dem Chor singt. Der Ingenieur, 49, ist durch Multiple Sklerose in fortgeschrittenem Stadium zu 100 Prozent körperbehindert und auf einen Rollstuhl angewiesen. Sein Zustand wird langsam, aber kontinuierlich schlechter. Deshalb weigert er sich, seine rollstuhlgerechte Wohnung in Potsdam zu verlassen, in der er seit 1990 lebt.

Der Investor, dem das vierstöckige Haus 2011 bei einer Zwangsversteigerung für nur 150 000 Euro zufiel, gibt an, die Wohnung von Oliver selbst beziehen zu wollen. Das Amtsgericht Potsdam stufte die Räumungsklage wegen Eigenbedarfs als „Härtefall“ ein und wies sie wegen der schweren gesundheitlichen Behinderung des Mieters ab. Der Hausbesitzer legte jedoch Widerspruch ein. Jetzt liegt der Fall zur Revision beim Landgericht. Das hat allerdings noch kein Gutachten darüber eingeholt, ob Oliver eine neue Wohnsituation zuzumuten ist.

„Wir wollen ein Zeichen setzen, damit die Situation nicht eintritt, dass Oliver seine Wohnung verlassen muss“, sagte der Dirigent des Chores, Johannes Gall. Dies könne für einen Schwerbehinderten, der sein ganzes Leben darauf eingerichtet habe, lebensgefährlich sein. „Ihm sollte der maximale Rest eines selbstbestimmten Lebens ermöglicht werden.“

Das Bankenlied, das Stempellied, das Lied der Kommunarden, das Lied von der Moldau gaben kämpferisch und spritzig „Einordnungshilfen“ bis hin zur Zugabe „Für den Frieden der Welt steht die Menschheit auf Wacht“ von Dmitri Schostakowitsch.

Für Oliver sind ordentlich Spenden zusammengekommen, für anwaltlichen Beistand ist somit gesorgt. Außerdem wurden Protestlisten herumgegeben und im Anschluss an das Konzert ein Solidaritätskomitee gegründet. Carola Schramm vom Vorstand der Ernst Busch Gesellschaft fand das Ganze gut, weil es nicht nur um den Einzelfall, sondern um die Brechtsche Frage gehe: „Ich weiß nicht was ein Mensch ist/ich kenne nur seinen Preis“.


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