REPORTAGE

Gegen höhere Steuern und niedrigere Renten

Impressionen aus dem Alltag des Kapitalismus auf den Kykladen
Von Uwe Koopmann
|    Ausgabe vom 19. Juni 2015
 (Foto: Giacomo Gasperini/Flickr/CC BY-SA 2.0)
(Foto: Giacomo Gasperini/Flickr/CC BY-SA 2.0)

Eine gedämpfte Spannung zieht durch den großen Sitzungssaal im ersten Stock des Rathauses von Naxos. Die Mitglieder des Stadtrates sollen „mitbestimmen“, wie eine „Reform-Forderung“ der EU auf der Kykladen-Insel umgesetzt werden soll. Ministerpräsident Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis glauben erkannt zu haben, dass sie, um den Forderungen der Troika nachzukommen, die Steuern auf den Kykladen erhöhen können. Es herrscht Aufregung im Sitzungssaal. Die Stimmen werden lauter. Naxos ist nicht der Touristenmagnet Santorin. Naxos ist auch nicht Aegina, die Insel der Reichen und Schönen, die auch noch Platz für eine Villa der Familie Varoufakis hat.

Evdokia Psarra, die engagierte Vertreterin der KKE ergreift das Wort. Sofort gibt es Zwischenbemerkungen und Kommentare. Aber auch Ratsvertreter, die aufmerksam zuhören. Eine etwas ungewöhnliche Situation: Sie haben mitbekommen, dass Gäste aus dem Merkelland ihre Debatte verfolgen. Für die Genossin Evdokia ist klar, dass eine „Luxussteuer“ auf Naxos fehl am Platz ist. Aber es geht nicht nur um Naxos in der Mitte der Ägäis. Die Bauern, Tavernenbetreiber, Handwerker haben den Widerspruch zwischen den europäischen Kapitalfraktionen nicht verursacht und auch nicht zu verantworten. Ebensowenig der Betreiber des Peripteros am Hafen, der sich in seinem 1,95 m2 großen „Warenhaus“ bei nahezu zeitlich unbegrenzter Öffnungszeit selbstausbeuterisch über Wasser zu halten versucht.

Der Kioskbesitzer unterliegt einem System, das einen markanten Widerspruch innerhalb des Klassenantagonismus bildet: Das Periptero darf nur mit einer Lizenz betrieben werden. Bei der Aufsicht über die Lizenzvergabe wird dann der Bock zum Gärtner gemacht. Die Aufsicht führt – auch unter der neuen Regierung – das Verteidigungsministerium, denn der Kiosk soll denen helfen zu überleben, die durch Kriegsfolgen Nachteile erlitten haben. Diese „Sozialhilfe“ geht aber auch an andere Bedürftige. Das Problem: Seit 2005 ist der Umsatz um 21 Prozent gesunken.

Das Periptero ist aber nicht das untere Ende der sozialen Leiter. Jeder Reiseführer für Naxos betont, dass die Insel über ein hervorragendes Klima verfügt, über Wasser und in großen Teilen über eine Bodenbeschaffenheit, die zusammen außerordentlich förderlich für die Landwirtschaft sind. Obst und Gemüse sind im Überfluss da. Kartoffeln werden innerhalb Griechenlands „exportiert“. Der naxotische Wein geht nicht nur in die heimischen Tavernen. Gleichzeitig gibt es Hunger auf der Insel. Durchschnittlich 170 Bewohner ohne Arbeit, ohne Arbeitslosengeld, ohne Krankenkasse, ohne auskömmliche Rente – stehen täglich an bei der Armenküche, die bei der orthodoxen Kirche organisiert wird. Auf einem „Markt“ können sie die Lebensmittel kostenlos bekommen, die sie nicht bezahlen können.

( Giacomo Gasperini/Flickr/CC BY-SA 2.0)

Ergänzt wird diese Gruppe um die „Binnenflüchtlinge“. Die Genossen Jannis und Vaggelis haben in Athen gelebt. Sie sehen immer noch, dass die Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt extrem ist. Während andere junge Menschen die „Lösung“ darin sehen, im Ausland ihr „Glück“ zu suchen, sind sie auf die Insel zurückgekehrt. Die Familie hat noch ein paar Stremata Land (1 Strema = 1 000 m2). Angebaut wird alles, was zum täglichen Bedarf gehört. Das ist sehr gesund, reicht aber nicht, um eine eigene Familie zu gründen. So verdingen sich die beiden Brüder zwischenzeitlich als Arbeiter.

Andere haben kein Land. Sie versuchen bei zunehmender Saison einen Arbeitsplatz als Kellner oder Mikros zu bekommen, der die Tische mit den Speiseresten abräumt. Auf dem Wasser verdienen nur die Besitzer der Reedereien der Fährschiffe und Frachter. Die Fischer machen nur das kleine Geschäft, denn die Ägäis ist überfischt. In den kleinen Bootswerften auf Koufonissi oder bei Kolimbrithes auf Paros sind drei Arbeiter zu sehen, die schweißen und malen. Das Gelände sieht teilweise eher wie ein Schiffsfriedhof aus.

 

Es gibt noch eine andere Gruppe von „Binnenflüchtlingen“: Die Lehrerinnen und Lehrer ohne feste Anstellung. Ihre Verträge garantieren Gehalt und Arbeit für ein Schuljahr – aber nicht für die Sommerferien zwischen den beiden Schuljahren. Jannis, noch ein Jannis, arbeitet in dieser Zeit als Koch. In der Hochsaison bei ohnehin drückenden Temperaturen am Grill zu stehen, ist für ihn kein Vergnügen, aber lebensnotwendig. Betroffen ist auch die Deutschlehrerin und Genossin Maria Tassopoulou. Bis zum Schuljahresende sind es nur noch wenige Wochen. Aber sie weiß immer noch nicht, wo sie in Griechenland ihre nächste Stelle bekommt. Deutsch ist zudem nicht die wichtigste Zweitsprache in Griechenland. Aber es gibt eine gewisse Nachfrage, denn nach der Schulzeit und dem Studium droht in Griechenland die Arbeitslosigkeit. Viele wagen mit den passenden Sprachkenntnisse den Sprung ins Ausland.

Zu den „Binnenflüchtlingen“ gehört auch Babis Stavrakakis. Um ihn macht sich sein Vater Stelios Sorgen. Stelios, ein kommunistisches Urgestein aus Kreta, ist Schäfer mit 400 Ziegen. Die Milch verarbeitet er auf der Nida-Hochebene zu wunderbarem Kefalotiri in einem Mitato, dieser kunstvollen Bruchsteinkonstruktion ohne Balken und Mörtel. Sein Sohn sollte mehr über die Käseherstellung lernen. Stelios schickte ihn deshalb durch das halbe Griechenland nach Ioannina. Babis absolvierte die Ausbildung, ging zurück und bekam Arbeit in der Käserei von Anogia. Aber die Käserei unterlag dem Druck der Großproduzenten und wurde geschlossen. Nun ist Babis kein Käserei-Facharbeiter. Er steht am Grill in einer Touristenhochburg. Und der Agrar-Konzern „Creta Farms“ ist im internationalen Geschäft.

Selbst wenn Vaggelis und Jannis mehr Käse und Wein produzieren könnten, würden sie wieder an Grenzen stoßen. Zu einem Wein auf der Nachbarinsel Paros heißt es, der Boutari Naoussa sei „im Abgang zart und nachhaltig“. Wie sollten sich Vaggelis und Jannis dieses Zertifikat für ihren Hauswein Apo Vareli (von Fass) besorgen können? Für Giannis Boutaris und seinen finanziellen Hintergrund war das leichter. Da konnte er 2011 auch schon mal Bürgermeister von Thessaloniki werden. Die Chance haben die Korrés-Brüder nicht. Das würde auch gar nicht zu ihrem Bekenntnis zum proletarischen Handwerkszeug – Hammer und Sichel – passen. Nach Thessaloniki ist Patras mit 213.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Griechenlands. Und die hat einen kommunistischen Bürgermeister: Kostas Peletidis (KKE). Einen echten „KKE-Bürgermeister“ haben Vaggelis und Jannis auch gleich hinter dem nächsten Bergkamm, dem Anathematisra, in Komiaki.

Schon die Anfahrt durch diese sonst weitgehend menschenleere Gegend im Nordosten der Insel lässt vermuten, dass hier „rote Nester“ sein müssen. An die Telegrafenmasten sind Flugblätter mit ideologischer Nachhaltigkeitswirkung getackert: Aufruf von PAME zum 1. Mai, Veranstaltungshinweise der KKE auf den 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus.

 

Komiaki, die „Hauptstadt“ des KKE-Bürgermeisters, präsentiert die Produkte, die für dieses Bergdorf typisch sind: Wein, Raki und Käse. Komiaki wird auch Koronida genannt. Diese Bezeichnung lässt – mit etwas Phantasie – eine Beziehung mit dem Mineral „Korund“ erkennen. Korund folgt in seiner Härte dem Diamanten. Koronida erlangte durch Korund eine gleichsam globale Bedeutung, denn Korund ist Bestandteil von Schmirgel. Und Schmirgelpapier kennt jeder. Das Wort kommt aus der griechischen Sprache: smirida. Die Naxos-Union war weltweit führend für den Schmirgelabbau.

Diese Besitzverhältnisse waren nicht immer so. Wie Prof. Winfried Scharlau in einem informativen Aufsatz darstellt, „gehörten“ die Vorkommen in osmanischer Zeit den katholischen Großgrundbesitzern auf Naxos. 1736 und 1835 ging das Recht der Ausbeutung an die Bewohner der sechs Bergdörfer der Region. Den weltweiten Vertrieb sicherte sich 1871 der Frankfurter Industrielle Julius Pfungst. Zwischen dem genossenschaftlich organisierten Abbau des Schmirgels, der Seilbahn für den Schmirgeltransport und der Welt draußen lag allerdings die Verladestation in Moutsouna. Hier hatte Herr Protonotarios das Sagen und den Gewinn. Er hatte eher ein kurzfristiges Interesse daran, die eigene Tasche zu füllen, statt das Geld in eine zeitgemäße Verladetechnik zu stecken. Der Widerspruch zwischen kollektiver Arbeit und Produktivkraftentwicklung und privater Aneignung des Gewinns erwies sich in Moutsouna – wieder einmal – als Sackgasse. Ein hervorragendes Symbol für den Anachronismus findet sich auf nördlicher Seite der kurvenreichen Straße zwischen Apiranthos und Moutsouna in mehreren hundert Metern über dem Verladehafen: eine vollkommen verrostete Schute, vergleichbar mit einem Bauhüttenschiff. Der Geschäftsgegenstand von Protonotarios lautet „Straßentransport“ …

Die Ausbeutung der Stollen ist inzwischen – neben der vorsintflutlichen Verladestation und der anfälligen Seilbahn – an verschiedene weitere Grenzen gestoßen: Der Abbau im Berg wurde zu unergiebig. Und schlimmer noch: Schmirgel wurde durch die Chemieprodukte von synthetischem Korund oder Siliciumcarbid als Schleifmittel überholt, da qualitativ gleichwertig, aber billiger. „Schmirgel aus der Natur“ kommt inzwischen aus der Türkei nach Griechenland, ebenfalls billiger aber nicht besser. Die chinesische Handelsplattform „Alibaba“ bietet eine breite Produktpalette aus dem Nachbarland an.

In vergleichsweise bescheidenem Maße wird auf Naxos auch heute noch Schmirgel abgebaut. Das Material wird auf einem Lagerplatz gesammelt und dann in großen „Plastiktaschen“ portio­niert. Die „Bigpacks“ mit einer Tragfähigkeit von 1 000 oder 1 500 kg fassen etwa einen Kubikmeter Schmirgel, der dann mit dem Lkw abtransportiert wird. Dieser „Schotter“ dient nun als Straßenbelag. Mit dem Abbau sichern die verbliebenen Bergleute ihre Altersversicherung.

Die Troika-Forderung nach einer Reform der Sozialpolitik könnte auch hier zuschlagen, denn für ein Jahr Altersrentenbeitrag müssen 27 Tonnen Schmirgel abgeliefert werden. Mit dem Presslufthammer geht das schneller als früher mit Hammer, Eisenstangen und Spitzhacke. Und bei einer plötzlich entdeckten ergiebigen Lagerstätte, einer ausgeprägten Linse, sind die Sozialbeiträge schnell erarbeitet. An dieser „Reform-Schraube“ könnte also noch gedreht werden. Allerdings: nicht mit den Kumpeln und der KKE.

Naxos hat einen weiteren Wirtschaftsbereich, der unter die Räder des internationalen Kapitals geraten ist. Für die vielfältigen Bauaktivitäten vor der Krise lieferte die heimische Zementindustrie den Rohstoff. Ein führendes Unternehmen: Heracles General Cement Co. SA. Markant das Firmenlogo auf Betonsilos und Betontransportern: Herkules mit dem Fell des erlegten Nemëischen Löwen. Aus dem wilden Tier der griechischen Mythologie wurde 2001 eine Hauskatze in mehrheitlich französischem Besitz: Unter dem „griechischen“ Logo prangt seitdem der Schriftzug „Lafarge“, Baustoffhersteller aus der globalen Spitze mit Sitz in Paris. Heracles war 1911 gegründet worden und hatte sich zum Marktführer entwickelt. Nachhaltigkeit prägt die „Philosophie“ von Heracles und Lafarge, verlautet der Konzern. Es muss in Griechenland ja nicht so laufen wie in Deutschland, wo das Kartellamt gegen das Zementkartell von sechs Unternehmen wegen verbotener Absprachen, die von 1988 bis 2002 „gepflegt“ wurden, ein Bußgeld von mehr als 600 Millionen Euro verhängt hatte. Das Oberlandesgericht Düsseldorf (OLG) senkte die Strafe 2009 auf 330 Millionen Euro. – Wer den Griechen Korruption und Steuerhinterziehung vorwirft, sollte den Zementstaub nicht in die eigenen Augen reiben. Es geht immer nur um Herrschaftssicherung in Griechenland, im Merkelland und in der EU.

 

Dazu dienen ja auch die „Reformen“, gemeint ist unter anderem der Abbau von Sozialleistungen, die mit einem Dunstschleier der Desinformation überzogen werden. So berichtete die Nachrichtenagentur dpa am 3. Juni, dass „die Europäer“ und der Internationale Währungsfonds bei einem Spitzentreffen in Berlin einen Kompromiss ausloten und sich auf die griechische Regierung zubewegen. Gleichzeitig heißt es von Jeroen Dijsselbloem, dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe, dass Griechenland keine Konzessionen von den Geldgebern erwarten könne, die dem Land „nicht auf halbem Wege entgegenkommen“ werden.

Bei Vaggelis und Jannis ist noch keine Nachricht angekommen, dass die Machtverhältnisse in Griechenland seit dem Regierungsantritt von Syriza und ANEL und entgegen allen Regierungserklärungen und Verlautbarungen von Alexis Tsipras und Yannis Varoufakis ins Wanken geraten sind. Im Gegenteil: Es gibt ein Bekenntnis der Regierung zur EU und zur NATO. Wenn es allein nach Panos Kammenos, ANEL-Vorsitzender und stellvertretender Ministerpräsident, ginge, dann bekämen NATO und USA sogar einen noch stärkeren Auftritt in Griechenland. Konkret schlägt er vor, eine Ägäis-Insel zu einem neuen Luftwaffen-Stützpunkt der NATO auszubauen. Außerdem soll der US-Stützpunkt Souda auf Kreta verstärkt werden. Von hier erreichten die US-Bomber in 20 Minuten Libyen. Schließlich fordert Kammenos eine halbe Milliarde Dollar zur Modernisierung der Lockheed P-3 Orion zu besserer Seeaufklärung und Jagd auf U-Boote.

Vaggelis, Jannis und alle Genossinnen und Genossen aus den „roten Nestern“ auf Naxos wissen, was passiert, wenn das Militär weiter an der Süd-Ost-Flanke der NATO „spielen“ darf. Das geht dann nicht nur zu Lasten des Periptero-Betreibers am Hafen von Naxos. Sie fordern, dass der Einfluss des Militärs und der Politik gebrochen werden muss. Mit „Oligarchen“ in der EU und im eigenen Land sind keine Verträge zu schließen. Die entscheidende Alternative lautet für sie: Arbeit oder Kapital. Sie haben schon etwas vorgesorgt: Auf ihrer Terrasse wachsen in zahlreichen Blumentöpfen wunderschöne rote Nelken.


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Leserbrief zu »Gegen höhere Steuern und niedrigere Renten«, UZ vom 19. Juni 2015





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