Der Sport, die FIFA, die Korruption und die Fußballweltmeisterschaft

Von Guntram Hasselkamp
|    Ausgabe vom 5. Juni 2015
Protest gegen Blatter am Rande der Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 (Foto: Agência Brasil/wikimedia.org/CC BY 3.0 BR)
Protest gegen Blatter am Rande der Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 (Foto: Agência Brasil/wikimedia.org/CC BY 3.0 BR)

Wer ist schlimmer als Wladimir Putin? Klar doch, Sepp Blatter. Oder noch schlimmer: Putin und Blatter. Ohne einen Hitler, na ja, das ist für den Sepp jetzt nicht so ganz passend, ohne einen ganz, ganz Bösen, so einen richtigen Grusel-Satan zum Kinder und alte Jungfern erschrecken, geht es in diesem unserm christlich-abendländischen Kulturkreis nun mal nicht. „Wir“ führen unsere Kriege, die jetzt Verantwortung heißen, ja schließlich nicht aus Spaß an der Freude, sondern im Dienste des Höheren, des Herrn, des ganz, ganz Guten und Grünen.

Nun gut. Jetzt also gegen den Blatter-Sepp. Hier muss ich zugeben: Ich bin da nicht neutral. Als alter, überzeugter Amateur ist mir Profisport ein Graus. Und ganz besonders Profi-Fußball. Ein elender Profit-Zirkus, der die Sport-Sitten verdirbt und bei dessen komplett hohlem Lokalpatriotismus am Ende nur eins zählt: die Kohle. Da könnte man sich genauso gut auch ein Deutsche-Bank-Trikot umhängen. Und gelegentlich gibt’s dann noch mit Frau Merkel auf der Tribüne, sozusagen als Zuschlag, eine Lektion in dämlichem Nationalismus: „So gehen die Gauchos, die Gauchos, die gehen so …“

Als der Neoliberalismus begann „die persönliche Würde in den Tauschwert“ aufzulösen, geriet auch der Tauschwert des alten Arbeitersports ins Visier. Ein Milliardenmarkt. Die alte FIFA, ein ehemals recht überschaubares Organisationsbüro für internationale Fußballturniere, wurde zur internationalen Zuhälterin, die ihre Ware, den Fußball, meistbietend an Big Money verhökert und dabei recht bequem reich wurde. Wie man hier von Korruption Einzelner reden kann, bleibt schleierhaft. Korruption ist die systemische Grundlage der Sport-Zuhälterei. Ohne Zuhälterei und Korruption kein Profi-Sport.

Immerhin gab die FIFA unter dem Blatter-Sepp von ihrer Beute einiges ab. An Länder der „Dritten Welt“ beispielsweise. Ein Land, eine Stimme wäre da ein Motiv. Förderung des allgemeinen Marktwertes, und Steigerung der Margen ein anderes. Dennoch, auch da gab und gibt es kleine Gewinner. Und offenkundig nicht so wenige, wie man am Stimmergebnis für den Sepp erkennen kann. Dass diese Vergeudung der FIFA-Gelder (ein warmer Händedruck hätte es doch auch getan) nicht zu Jubelrufen der natürlich völlig korruptionsfreien UEFA und des ebenso heiligen DFB führen würde, lag auf der Hand. Europäischer Macht- plus Geldverlust – na, wenn das nicht Korruption ist.

Allerdings, Zuhälter sind nicht beliebt. Es wurmt den kleinen Angestellten, dass er mit seinen paar Kröten die Protzkarren der albanischen Mafia finanziert. Aber er geht trotzdem ins Hurenhaus – andere gehen ins Stadion. Und es freut die Betrogenen natürlich, wenn es so aussieht, als würde es auch einmal den Betrügern an den Kragen gehen. Da haben Bild und tagesschau leichtes Spiel.

Selbstredend ist das nicht der Fall. Diejenigen, die den Menschen ihren emanzipativen, solidarisch-befreienden Sport, die Freude an der Bewegung entwunden haben, um ihn „im eiskalten Wasser egoistischer Berechnung“ zu ertränken, um erwachsene Menschen zu grölenden „Fans“ und vor allem zahlenden Zuschauern eines Spektakels zu machen, dürfte es herzlich egal sein, ob der Oberzuhälter Joseph Blatter, Michel Platini, oder Wolfgang Niersbach heißt. Hauptsache er liefert: Die Blatter kommen und gehen, der Profitfußball bleibt bestehen.

Wozu also das Ganze? Und warum ausgerechnet die natürlich ebenso völlig korruptionsfreien US-Behörden? Und warum genau jetzt? Die Antworten dürften in Russland zu finden sein. 2018 soll die Fußball-WM im Land des erklärten Kriegsgegners stattfinden. Da weht der faulige Wind von Olympia 1980 durch den Blätterwald. Der FIFA-Boss dürfte ein ernstzunehmendes Hindernis für die Boykottmanöver darstellen. Seine fünfte Amtszeit verhindern zu können, wäre demnach ein großer Erfolg gewesen.

Das ist gescheitert. Die Auffanglinie der medialen Ehrenmänner und-frauen hieß daher: Putin mit der FIFA-Korruption kontaminieren. Bis zur WM 2018 ist es noch ein weiter Weg. Da kann vorausschauende, psychologische Feldvorbereitung entscheidend werden. Man ist kurz davor dem Joseph Blatter zu seiner Wahl zu gratulieren.


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Leserbrief zu »Der Sport, die FIFA, die Korruption und die Fußballweltmeisterschaft«, UZ vom 5. Juni 2015





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