Was den Dichter beschäftigt

Bei politischen Themen beeindrucken Rudi W. Bergers Gedichte
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 5. Juni 2015

Rudi W. Berger, Jahrgang 1924, ist in Löhma bei Schleiz geboren. Er übte verschiedene Berufe aus, unter anderem arbeitete er als Tischler, Berufsschullehrer, Journalist, Betriebszeitungsredakteur. In den Jahren 1964/1965 besuchte er das Institut für Literatur Johannes-R.-Becher in Leipzig.

Die Ostthüringer Zeitung nennt ihn einen „Stürmer und Dränger. Er stellt unzählige Fragen und findet seine Antworten – in der Weltliteratur, bei Zeitgenossen, in seiner Lebenserfahrung als ‚Betrogener und Gestrafter vom ausgebluteten Jahrgang 1924’“.

Dem Schreiben widmet er sich seit etwa fünfzig Jahren, wobei Lyrik, Prosa, zahlreiche Hörspiele und Dramen entstanden sind. Heute lebt er in Langenwetzendorf. Als weiterhin produktiver Schriftsteller ist Rudi W. Berger Mitglied der Greizer Autorengruppe, des Zwickauer Autorenkreises und des Verbandes Deutscher Schriftsteller Thüringen.

Wer Rudi W. Berger kennt, seine Romane, Erzählungen, Hörspiele oder Gedichte gelesen oder ihn gar selbst vortragend erlebt hat – bei Poetry Slam und anderen Vortragswettbewerben als Dichter und Sänger –, weiß um die sprachliche Kraft, die Leidenschaft und das soziale Engagement des Schriftstellers. Ein anregender Essayband wurde in der UZ besprochen (s. UZ vom 27. 12. 2013). Mehrfach wurde auf seine Dichtungen hingewiesen (zuletzt in unsere zeit vom 13. 6. 2014). 

Rudi W. Berger

Ein Jahr später liegt eine neue Sammlung des über 90-Jährigen, geboren 1924 in Löhma bei Schleiz, vor: „Asyl, Asyl und von meinem Herzen ein Stück“. Der Band ist auf den ersten Blick auffallend und schön gestaltet; der Titel verspricht viel: Er kommt mit der Symbolfarbe Rot, einer darin aufgehenden Rose und weißer Schrift, die den Inhalt andeutet: Asyl und „von meinem Herzen ein Stück“. Eine Audio-CD liegt dem Band bei; vom Autor selbst gestaltet: Mit der Mundharmonika eingeleitet, werden Texte des Bandes vorgetragen.

Hat man sich nach dieser Aufmachung auf den Band eingestellt, kommt eine Überraschung: Er beginnt nicht so wie man bei Rudi W. Berger erwartet, sondern nach einem „Prolog“ „Kleines Kompendium der Liebe“ folgen Liebesgedichte. Im „Prolog“ trifft man auf einen Text, der unter dem Titel „Kinder des Schmerzes“ bekannt ist. Vergleicht man die beiden Fassungen, sind Veränderungen erkennbar: Der Autor hat mit großem Einsatz seine Verse bedeutsamer und gewaltiger zu machen versucht, um eine Grundlage für die sich anschließenden Liebesgedichte zu finden. Aber das hat den Versen nicht gut getan. In der früheren Fassung waren sie klar und eindeutig: „Meine Verse lümmeln/in Kleidern des Alltags./Sie mögen nicht Fabriken der Träume.“ Jetzt heißt es nebulös und ungenau, sprachlich verunsichert durch den Einbruch des Mundartlichen: „Meine Lümmel mögen keine Jeans,/doch die alltäglichen Kleider gewöhnlicher Leute./Sie wünschen keine Fabriken der Illusionen/noch kätschen medialen Mohn.“ 

Ein entscheidendes Problem des Bandes wird also bereits im „Prolog“ erkennbar und setzt sich fort beim Umgang mit dem Thema „Liebe“: Im Streben, höchste Gefühlsbegeisterung poetisch auszudrücken, gerät Bergers lyrisches Ich in die Fänge bekannter und abgearbeiteter Formeln vom Blut, das „in den Adern wallt“, „die Schläfe pocht, wenn die Lippen, dem süßen Atem nahe, hoffen“ usw. usf.

„Heißer Lippen Hauch“ hieß schon einmal ein Gedichtband und erreichte die annehmbare Grenze des poetischen Gefühlsüberschwangs. Es wäre auch hinnehmbar, unterliefen solche Versatzstücke nur einmal und würden von Worten begleitet, die das einmalige, besondere des Gefühls einbrächten. So aber – Gedichte dieser Art füllen mehr als ein Drittel des Bandes aus – gerät manches, wie der immer wieder zitierte „Atem“, inflationistisch und es macht sich beim Lesen Enttäuschung breit und Verwunderung über die Verirrung und Verwirrung des lyrischen Ichs. Poetische Bilder werden schräg und falsch: „Dein Atem weht/von den Feldern des Sommers./Er wohnt in den Kelchen des Nektars/und im Lockruf der Vögel.“ Seit wann hat der Nektar Kelche – er befindet sich in solchen – und der Lockruf der Vögel einen Atem? Es sind keine Ausnahmen. Dass der mit unterschiedlichem Erfolg auch satirisch oder parodistisch arbeitende Autor hier Parodien schaffen wollte ist nicht anzunehmen. Statt der bei Berger gewohnten poetischen Kraft klingt strapazierte Unterhaltungsmentalität an: „Lippen lüstern,/Augen, Lider mit mir flüstern/und sie schüren Glut.“ Leitbilder wie Heinrich Heine und Volker Braun verlieren ihre Präg-nanz: Heinrich Heines Trommler wurde zum freundlichen (und grammatisch verunsicherten) Liebesverkünder: „Liebes, Liebste, du, Trommler, ich –/mein Sinnen, mein Sehnen, mein Sorgen“. Und Volker Brauns „Land, das mit dir verschwand“, wird zum kleinen Verlust im Liebesspiel und Händchenhalten. Sicherlich sind diese Verse von persönlichen Erlebnissen bestimmt, die Gedichte haben dort auch ihren Sinn, aber der Autor hätte sie und ihre Intimität dort auch lassen sollen: „Ich spüre dich, dein Beißen,/Ketschen, Kauen.“

Doch ändert sich der Charakter des Bandes nach dem ersten Drittel grundsätzlich. Versöhnt wird man, wenn Berger sein poetisches Talent dafür einsetzt, was ihn beschäftigt und beschäftigt hat. Er ist ein politischer Schriftsteller, ein politischer Dichter und ein politischer Sänger, der die Erfahrungen eines kämpferischen Lebens weitergibt, und das in kräftiger und eindrucksvoller Sprache. Es finden sich Lebenserfahrung und auch Erinnerungsstücke an seine Berufe: Tischler, Lehrer, Journalist und Redakteur. Da ist das Gedicht „Kinderschänder“, in dem Berger ein aktuelles Vorkommnis aufnimmt, als sich ein Ort gegen einen Menschen wehrt, der seine Strafe verbüßt hat, aber den anderen, der ungestraft seine „eisernen Pläne“ für ähnliche Verbrechen, allerdings genehmigt, am Schreibtisch macht, nicht nur ungestraft lässt, sondern ihn wählt: „… sein neues Mandat ist ihm sicher“. Das ist der Dichter Berger, den man liest, gern liest, dem man zuhört und dem man zustimmt. Das Gedicht „Landwehrkanal“ ist nicht nur politisch und historisch präzise, sondern auch poetisch eindrucksvoll: Den drei Grundwörtern Land – wehr – kanal in drei Abschnitten folgend wird der Bogen vom Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 bis zur Gegenwart geschlagen, buchstäblich, denn die Schlussverse lauten: „Aus dem Duft unter den Linden/schlägt das Gelächter/der Mörder und ihrer Enkel.“ Da wird neue Bedrohung spürbar. Man hört Anklänge an Erich Weinert, Majakowski und beste politische Lyrik. Große Themen werden gewählt, auch philosophischer Art. 

In dem Gedicht „Sisyphos“ geht es um die Frage, wie man diesen ewig, aber scheinbar sinnlos Tätigen denn sehen soll. Berger scheut sich nicht, die Diskussion mit Albert Camus aufzunehmen, ohne ihn namentlich zu nennen: „Held, Heros,/glücklicher du, lobt dich einer“. Zwar kann man streiten, ob es ein Lob war oder nicht vielmehr Einsicht in eine sinnlos gewordene Existenz. Berger lehnt solche Erklärung ab und begehrt auf, sei es doch nur „Licht für Kellerasseln und Schaben“, nach dem Sisyphos bei dem Weg auf den Berg strebe. Geradezu zwangsläufig ist auch Ikarus vorhanden, mit dem sich andere, nach Berger richtige Hoffnung verbindet, der Stern „glimmt plötzlich wieder“. In diesen Gedichten sind Bergers Wirklichkeitsbezüge genau, hin und wieder von Wut übersteigert. Selten unterlaufen Fehler in den Bildern und sprachlichen Zitaten; selten auch war der Autor zu schnell mit einer Formel zur Hand, die unkritisch und unbedacht verwendet wurde wie „Du magst das Meine,/ich das Deine, jedem das Seine.“ (Das Unsere) Auch wenn es ein Leitspruch seit der Antike für Gerechtigkeit war, wurde er durch die Verwendung im KZ Buchenwald so diskreditiert, dass er poetisch nicht verwendbar ist.

In den politischen Gedichten Bergers werden wiederum, diesmal angemessen Leitbilder genannt und als geistige Vorgänger verwendet, nicht nur zitiert und variiert: Heinrich Heine und Majakowski („Lied auf links“). Dass Goethe („Der Dichterfürst“) verehrt, aber auch kritisch gesehen wird, ist Bergers gutes Recht; der Ansatz der Kritik ist jedoch zu schlicht und einseitig an W. Daniel Wilsons Streitschrift „Das Goethe-Tabu“ orientiert, um tragen zu können.

In einigen Gedichten werden auch Vorgänge erinnert, die offiziell entschieden wurden und gerade dadurch das Unbehagen der Ungerechtigkeit verbreiten, so der Mord an Zivilisten in Afghanistan, als ein deutscher Oberst Bomben anforderte („Rechtsstaatlichkeit“, „Der Oberst“), aber auch die deutsche Beteiligung am Krieg in Jugoslawien. Das sind Ereignisse, die Bergers Zorn auslösen, Zorn auf den Krieg, von denen er einen erlebt und gerade so überlebt hat. In diesen Gedichten ist er der Sänger, der auch die Jugend begeistert, wie man auf Bühnen des Poetry Slam erleben kann. Nun kann man die Texte, mindestens einen Teil der dort vorgetragenen Gedichte und Lieder, auch in diesem Buch nachlesen.

Rudi W. Berger:
Asyl, Asyl und von meinem Herzen ein Stück. Gedichte.

Leipzig: Engelsdorfer Verlag, 2015, 226 S.
Mit einer Audio-CD, 22,80 Euro

Rudi W. Berger, Jahrgang 1924, ist in Löhma bei Schleiz geboren. Er übte verschiedene Berufe aus, unter anderem arbeitete er als Tischler, Berufsschullehrer, Journalist, Betriebszeitungsredakteur. In den Jahren 1964/1965 besuchte er das Institut für Literatur Johannes-R.-Becher in Leipzig.

Die Ostthüringer Zeitung nennt ihn einen „Stürmer und Dränger. Er stellt unzählige Fragen und findet seine Antworten – in der Weltliteratur, bei Zeitgenossen, in seiner Lebenserfahrung als ‚Betrogener und Gestrafter vom ausgebluteten Jahrgang 1924’“.

Dem Schreiben widmet er sich seit etwa fünfzig Jahren, wobei Lyrik, Prosa, zahlreiche Hörspiele und Dramen entstanden sind. Heute lebt er in Langenwetzendorf. Als weiterhin produktiver Schriftsteller ist Rudi W. Berger Mitglied der Greizer Autorengruppe, des Zwickauer Autorenkreises und des Verbandes Deutscher Schriftsteller Thüringen.


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