„Marxistisch-leninistisch“ – was soll das heißen?

Von Georg Polikeit
|    Ausgabe vom 22. Mai 2015

„Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, dass sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen.“ (W. I. Lenin, „Unser Programm“, Werke Bd. 4, S. 205/6)

Patrik Köbele hat auf der Konferenz in Hannover gesagt, die im Leitantrag eingeführte Bezeichnung der DKP als „marxistisch-leninistisch“ sei eine „Präzisierung“ unserer weltanschaulichen Grundlagen. Die bisherige Formulierung im Parteiprogramm („wissenschaftlicher Sozialismus, der von Marx, Engels und Lenin begründet wurde und ständig weiterentwickelt werden muss …“) ist ihm also nicht präzis genug.

Ich habe in einem Diskussionsbeitrag in der UZ schon vor einiger Zeit für den Verzicht auf diesen Begriff, und unter Verweis auf seine negativen Wirkungen und Fehlinterpretationen in der Vergangenheit plädiert. Das gilt nach meiner Überzeugung auch heute noch.

Wie kann die Etikettierung der Partei mit einem einzigen Eigenschaftswort eine „Präzisierung“ sein?

In Wirklichkeit hat der Begriff „Marxismus-Leninismus“ schon nach seiner Einführung in die kommunistische Bewegung ab Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts und in den nachfolgenden Jahrzehnten bis 1989/90 sehr unterschiedliche Deutungen erfahren, und das ist heute immer noch so. Ganz abgesehen von dem Zerrbild, das die antikommunistische Propaganda davon in die Köpfe unserer Mitmenschen pflanzt.

Ich war 1968 im engeren Kreis an der Vorbereitung der Neukonstituierung der DKP beteiligt. Daher erinnere ich mich gut daran, wie alle linksradikalen „KP-Gruppen“ einschließlich der „Maoisten“ die neugebildete DKP als „revisionistisch“ abkanzelten. Sie alle bezeichneten sich als „Marxisten-Leninisten“. An diesem Verständnis von „marxistisch-leninistisch“ werden wir hoffentlich nicht anknüpfen wollen.

Aber auch wenn man sich unter den heute existierenden kommunistischen Parteien umsieht, die den Begriff „Marxismus-Leninismus“ verwenden (nicht alle tun das), ist festzustellen, dass sehr unterschiedliche Vorstellungen, Parteikonzepte und strategische Orientierungen damit verbunden sind. Deshalb ist der Begriff „marxistisch-leninistisch“ keineswegs eindeutig.

Hans-Peter Brenner hielt es auf der 12. PV-Tagung für möglich, zur Erklärung auf ein Zitat von Stalin aus den „Grundlagen des Leninismus“ zurückzugreifen. Da erfuhr man, dass der Leninismus die Theorie der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats im Stadium des Imperialismus sei. Beides steht bei uns in näherer Zukunft wohl nicht auf der Tagesordnung. Da er ohne jede kritische Anmerkung auf Stalin zurückgriff und nicht zu erfahren war, dass der PV dem mehrheitlich widersprochen hätte, ergibt sich die Frage, ob ins Vergessen verdrängt werden soll, dass mit der unter Stalin praktizierten Variante von „M.-L.“ die schlimmsten Entstellungen der Theorie und Praxis der kommunistischen Bewegung verbunden waren, bis hin zur massenhaften Verfolgung und Hinrichtung Unschuldiger, die diverser Abweichungen von diesem „M.L.“ bezichtigt wurden.

In der Theorie hatte das von und unter Stalin durchgesetzte „M.-L“-Verständnis eine verhängnisvolle dogmatische Verknöcherung zur Folge. In der Praxis wurde es für diverse „Säuberungen“ benutzt und führte es zur Herausbildung des zentralistischen administrativ-bürokratischen Systems in Wirtschaft und Politik, aber auch in der Partei selbst, das nach Stalins Tod fortwirkte und zu den entscheidenden Ursachen für den Zusammenbruch der regierenden kommunistischen Parteien und den großen historischen Rückschlag am Ende des 20. Jahrhunderts gehört.

Wobei nicht zu übersehen ist, dass Elemente davon auch von den KPs in „westlichen“ Ländern mehr oder weniger stark übernommen wurden, teilweise auch noch in der DKP.

Soll wirklich an dieser Art von „M.-L.“ jetzt wieder nahtlos angeknüpft werden? Müssen wir uns nicht vielmehr davon deutlich und selbstkritisch abgrenzen und freimachen, wenn wir in Theorie und Praxis bei Marx, Engels und Lenin bleiben wollen?

Weil der Begriff „marxistisch-leninistisch“ durch die Fehlentwicklungen der Vergangenheit belastet ist, kann er heute nicht einfach neu belebt werden, ohne neuen Fehldeutungen und Missverständnissen das Tor zu öffnen. Deshalb sollten wir bewusst darauf verzichten. Die jetzige Formulierung im Parteiprogramm ist in Wahrheit viel präziser, gerade weil sie neben dem Festhalten an den von Marx, Engels und Lenin erarbeiteten Grundlagen auch die Notwendigkeit der schöpferischen Weiterentwicklung der Theorie betont.

„Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, dass sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen.“ (W. I. Lenin, „Unser Programm“, Werke Bd. 4, S. 205/6)


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Leserbrief zu »„Marxistisch-leninistisch“ – was soll das heißen?«, UZ vom 22. Mai 2015





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