Nur „eine politische Biographie“?

Auf den Spuren des kommunistischen Schneiders Wilhelm Weitling
Von Erhard Kienbaum
|    Ausgabe vom 8. Mai 2015
Wilhelm Weitling, 1808-1871: Schneider; Theoretiker des utopisch-revolutionären Arbeiterkommunismus
Wilhelm Weitling, 1808-1871: Schneider; Theoretiker des utopisch-revolutionären Arbeiterkommunismus

* „Was den Bildungsstand oder die Bildungsfähigkeit der deutschen Arbeiter im allgemeinen betrifft, so erinnere ich an Weitlings geniale Schriften, die in theoretischer Hinsicht oft selbst über Proudhon hinausgehn, sosehr sie in der Ausführung nachstehen. Wo hätte die Bourgeoisie – ihre Philosophen und Schriftgelehrten eingerechnet – ein ähnliches Werk wie Weitlings ‚Garantien der Harmonie und Freiheit’ in Bezug auf die Emanzipation der Bourgeoisie – die politische Emanzipation – aufzuweisen? Vergleicht man die nüchterne, kleinlaute Mittelmäßigkeit der deutschen politischen Literatur mit diesem maßlosen und brillanten literarischen Debüt der deutschen Arbeiter; vergleicht man diese riesenhaften Kinderschuhe des Proletariats mit der Zwerghaftigkeit der ausgetretenen politischen Schuhe der deutschen Bourgeoisie, so muß man dem deutschen Aschenbrödel eine Athletengestalt prophezeien. Man muss gestehen, dass das deutsche Proletariat der Theoretiker des europäischen Proletariats, wie das englische Proletariat sein Nationalökonom und das französische Proletariat sein Politiker ist. Man muss gestehen, dass Deutschland einen ebenso klonischen Beruf zur sozialen Revolution besitzt, wie es zur politischen unfähig ist. Denn wie die Ohnmacht der deutschen Bourgeoisie die politische Ohnmacht Deutschlands, so ist die Anlage des deutschen Proletariats – selbst von der deutschen Theorie abgesehen – die soziale Anlage Deutschlands. Das Missverhältnis zwischen der philosophischen und der politischen Entwicklung in Deutschland ist keine Abnormität. Es ist ein notwendiges Missverhältnis. Erst in dem Sozialismus kann ein philosophisches Volk seine entsprechende Praxis, also erst im Proletariat das tätige Element seiner Befreiung finden.“(MEW, Bd. 1, S. 405)

Weitling, einer der glanzvollsten Vertreter der frühen Arbeiterbewegung, war – im Unterschied zu Marx und Engels – selbst Arbeiter.

Waltraud Seidel-Höppner ist den Spuren des kommunistischen Schneiders über Jahrzehnte unermüdlich gefolgt, so dass der Eindruck entstehen könnte, es gäbe da nichts mehr zu erforschen. Sie war bemüht, Einseitigkeiten und Fehleinschätzungen in bisherigen Publikationen zu korrigieren, Weitlings Werk von Vorurteilen zu befreien und in ein neues Licht zu rücken.

Vehement versucht Waltraud Seidel-Höppner mit überkommenen Klischees aufzuräumen, wobei der Rezensent sich gewünscht hätte, sie wäre etwas weniger harsch mit Kollegen (wie z. B. Karl Obermann) umgegangen. Sie waren ihrer Zeit verhaftet und ohne sie hätte die vorliegende Biografie wohl nicht so geschrieben werden können.

Zwei Bände – insgesamt 1 866 Seiten stark ist das Werk, das die Grande Dame der Weitling-Forschung im Jahr 2014 der Öffentlichkeit übergeben hat.

Man muss der Autorin gewiss nicht in jedem Urteil über agierende Zeitgenossen folgen. Weitling und Marx/Engels und deren Anhänger kamen zumeist aus einem anderen sozialen Umfeld, das behinderte wohl da und dort auch ihre Sicht auf Weitlings Aktivitäten – aber umgekehrt scheint es – so mein Eindruck – nicht viel anders gewesen zu sein.

Es ist jedoch nicht nur eine politische Biografie Weitlings, die uns hier vorgelegt worden ist – es ist zugleich eine kritische Reflexion der Weitling-Forschung und -Interpretation der letzten Jahrzehnte. Zunächst, so schien es dem Rezensenten, als würden Marx und Engels ziemlich schlecht wegkommen, es sind aber wohl eher die Marx-Interpreten, die gehörig gerupft werden. Wenn man liest, wie feinfühlig die Autorin dem Leser deutlich zu machen versucht, was Marx und Engels Weitling zu verdanken haben, versteht man den Satz von den Kinderschuhen des Proletariats besser.*)

Es ist aber einfach nicht zu verstehen, wie ein renommierter Wissenschaftsverlag dieses Werk ohne ein Namenregister ausliefern konnte und bereits wenige Monate nach der Veröffentlichung nicht mehr in der Lage war, ein Rezensionsexemplar zu liefern – sich aber anmaßend die Frage erlaubte, wo denn bitteschön die geplante Rezension erscheinen solle.

Wohl eher nicht für jedermanns Bücherschrank bestimmt (allein schon der Preis von 169 Euro dürfte da ein Hindernis sein), wäre es überlegenswert, die eine oder andere Bibliothek hierzulande, in der Schweiz und in den USA anzuregen, dieses Werk – sofern nicht bereits vorhanden – in seinen Bestand aufzunehmen. Vielleicht könnten Genossinnen und Genossen in dieser Hinsicht aktiv werden und damit zugleich den Verlag bewegen, bald eine 2. Auflage – diesmal mit Namenregister, das sich in Arbeit befindet – in Angriff zu nehmen.

Wie auch immer, Waltraud Seidel-Höppners Lebenswerk nötigt dem Leser gehörigen Respekt ab. Die Autorin hat uns zu einer umfassenden und tiefgehenden Neuinterpretation, neue Sichtweisen und eine von vielen Vorurteilen befreite Biografie geführt, die spannend zu lesen ist. Der ideengeschichtliche und soziale Hintergrund ist gekonnt ausgeleuchtet: In jedem Fall wird das Lesen ihres Werkes bedeutenden Wissensgewinn bringen.

 

Waltraud Seidel-Höppner: Wilhelm Weitling (1808–1871). Eine politische Biographie. 2 Teile. Peter-Lang-Edition, Frankfurt am Main u. a. 2014, ISBN 978–3-631–64631-1

* „Was den Bildungsstand oder die Bildungsfähigkeit der deutschen Arbeiter im allgemeinen betrifft, so erinnere ich an Weitlings geniale Schriften, die in theoretischer Hinsicht oft selbst über Proudhon hinausgehn, sosehr sie in der Ausführung nachstehen. Wo hätte die Bourgeoisie – ihre Philosophen und Schriftgelehrten eingerechnet – ein ähnliches Werk wie Weitlings ‚Garantien der Harmonie und Freiheit’ in Bezug auf die Emanzipation der Bourgeoisie – die politische Emanzipation – aufzuweisen? Vergleicht man die nüchterne, kleinlaute Mittelmäßigkeit der deutschen politischen Literatur mit diesem maßlosen und brillanten literarischen Debüt der deutschen Arbeiter; vergleicht man diese riesenhaften Kinderschuhe des Proletariats mit der Zwerghaftigkeit der ausgetretenen politischen Schuhe der deutschen Bourgeoisie, so muß man dem deutschen Aschenbrödel eine Athletengestalt prophezeien. Man muss gestehen, dass das deutsche Proletariat der Theoretiker des europäischen Proletariats, wie das englische Proletariat sein Nationalökonom und das französische Proletariat sein Politiker ist. Man muss gestehen, dass Deutschland einen ebenso klonischen Beruf zur sozialen Revolution besitzt, wie es zur politischen unfähig ist. Denn wie die Ohnmacht der deutschen Bourgeoisie die politische Ohnmacht Deutschlands, so ist die Anlage des deutschen Proletariats – selbst von der deutschen Theorie abgesehen – die soziale Anlage Deutschlands. Das Missverhältnis zwischen der philosophischen und der politischen Entwicklung in Deutschland ist keine Abnormität. Es ist ein notwendiges Missverhältnis. Erst in dem Sozialismus kann ein philosophisches Volk seine entsprechende Praxis, also erst im Proletariat das tätige Element seiner Befreiung finden.“(MEW, Bd. 1, S. 405)


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